Stichwahl in Afghanistan
Abdullah zieht sich zurück

In Afghanistan wird bei der Stichwahl des Präsidenten wohl nur ein Kandidat antreten: Amtsinhaber Hamid Karsai. Sein Rivale Abdullah Abdullah hat seine Kandidatur zurückgezogen. Damit gerät Karsai nach den Manipulationsvorwürfen aus dem ersten Wahlgang noch mehr in Legitimationsprobleme.
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HB KABUL. "Ich werde an der Wahl am 7. November nicht teilnehmen", sagte Abdullah am Samstag. Die Regierung Karsais habe schon seit Mai kein legitimes Mandat mehr, kritisierte der Politiker. Bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 20. August sei es zu massivem Betrug gekommen. Er betonte jedoch, dass er seine Anhänger nicht zu einem Boykott der Stichwahl aufrufe.

Am Samstag hatte die Regierung die Frist verstreichen lassen, die ihr Abdullah nach dem Betrug der ersten Runde zur Entlassung des Wahlbehördenchefs gesetzt hatte. Das Wahlkampfteam von Präsident Karsai erklärte, die Stichwahl solle trotz Abdullahs Rückzug stattfinden. Karsai gilt für das Votum als Favorit. Er hatte schon in der ersten Runde die meisten Stimmen gewonnen.

Abdullah sagte, er habe sich die Entscheidung zum Rückzug nicht leicht gemacht. Mit gebrochener Stimme erklärte der ehemalige Außenminister vor Stammesältesten und Anhängern, er habe die Entscheidung im "Interesse der Nation" gefällt. Abdullah äußerte sich aber nicht zur Aussicht auf eine Machtteilung mit Karsai, was auf ein Scheitern früherer Kompromissgespräche mit dem Präsidenten hindeutete.

Amtsinhaber Karsai hatte sich erst nach internationalem Druck zu der Stichwahl bereiterklärt, war auf die Forderungen Abdullahs aber nicht eingegangen. Zuletzt war der Druck auf Abdullah gewachsen, sich aus der Abstimmung zurückzuziehen. Westlichen Diplomaten zufolge war nur noch die Frage, ob er sein Gesicht wahren oder zum Boykott aufrufen würde. Abdullah sei sich darüber klargeworden, wie schmerzhaft eine zweite Runde für das Land sein würde, sagte ein Diplomat.

Afghanistan war seit Wochen politisch gelähmt. Auch die Sicherheitslage verschlechterte sich, nicht zuletzt weil die Taliban die Stichwahl stören wollten. Wie schon bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl hat die islamisch-extremistische Aufstandsbewegung auch vor dieser Wahl zum Boykott aufgerufen.

Eine Stichwahl ohne Gegenkandidaten könnte die Legitimation Karsais weiter untergraben, nachdem die Vereinten Nationen (UN) nach der ersten Wahlrunde weit verbreitete Manipulationen zugunsten des Präsidenten festgestellt hatten. Ein schwacher Präsident in Afghanistan würde die Aussichten auf eine baldige Stabilisierung des Landes deutlich verschlechtern. USA und Nato prüfen derzeit eine weitere massive Truppenaufstockung, um die wiedererstarkten Taliban fast neun Jahre nach ihrem Sturz endgültig zurückzudrängen.

Bei der Wahl am 20. August hatte Karsai nach ersten Auszählungsergebnissen mit über 54 Prozent eine absolute Mehrheit erzielt. Eine Überprüfung der Betrugsvorwürfe durch eine Untersuchungskommission ergab jedoch, dass rund ein Drittel der Stimmen für Karsai ungültig waren. Damit fiel Karsais Stimmanteil unter 50 Prozent, und die Wahlkommission setzte die Stichwahl an.

Der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Kai Eide, hat den Rückzug Abdullahs bedauert. Der Norweger sagte der Nachrichtenagentur NTB in Oslo am Sonntag: „Es ist traurig, dass er zu diesem Entschluss gekommen ist. Ich weiß persönlich, dass dem ein langes Nachdenken und viele Diskussionen vorausgegangen sind.“

Eide meinte, man könne nicht sicher sein, dass es bei der zweiten Wahlrunde nicht erneut Betrug geben werde. Der UN-Sondergesandte hatte sich nur zurückhaltend kritisch über die erste Wahlrunde geäußert. Sein früherer US-Stellvertreter Peter Galbraith hatte Eide Verharmlosung des Wahlbetrugs vorgeworfen und wurde darauhin abberufen.

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  • Da die Europäer oder die Anerikaner aus ihrer eigenen Erfahrungswelt andere Völker beurteilen wollen, haben sie so viel Leid über die Welt gebracht.
    ich halte die Amerikanisierung der Welt für einen traurigen Verlust von Kultur. Amerikaner und Europäer waren nicht bereit von anderen zu lernen, sondern wollen ihr Weltbild anderen überstülpen. Das nennt man ideologische Verbohrtheit.

  • @ sven
    sie meinen die afganen brauchen die ,,knute,, ?
    nun, eines brauchen sie gewiss. eine feste regierungshand , jemand der auch bei den talibahn, (und wer noch alles was zu sagen haben will)hart durchgreift !!! sie düfen keine besonderen freiheiten haben, nur weil sie geißtliche führer sind,gelten ebenso die gestze des landes.wird zb. die todesstrafe auf einen ladendieb angewendet, muss sie ein talibahn erst recht bekommen !!!

  • ist die Demokratie wirklich die beste Regierungsform für Afghanistan? Damit die Menschen Vertrauen in die Demokratie gewinnen, müssen endlich zuverlässige Wahlen stattfinden und der grassierenden Korruption Einhalt geboten werden. Klingt einfach, ist aber beinahe unmöglich. in der Stammesgesellschaft sind Gefälligkeiten (Korruption) für wohlfälliges Verhalten seit Jahrhunderten die Norm, nicht aus Ausnahme. Vielleicht scheitern auch deswegen westliche Politiker

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