Streit in Singapur
Der Spaßkulturkampf

Singapurs junge Politiker wollen den Stadtstaat zur Spaßrepublik machen: Mit milliardenschweren Investitionen in Freizeitparks, Kasinos und Badeinseln soll die Stadt zum Touristenmagneten werden. Die alten Eliten des sittenstrengen Staates wollen sie stoppen. Es geht um die Macht.

SINGAPUR. Robin Goh glaubt an die große Vision. Während er von brüllenden Tigern, planschenden Delfinen und der größten Achterbahn der Welt schwärmt, verrutscht sein Gesicht in ein Grienen so breit wie das von Kermit dem Frosch. Goh vermarktet eine Freizeitwelt, für die sich Singapur 3,3 Milliarden Euro, 49 Hektar Land und eine Vervierfachung der jährlichen Touristenzahlen abverlangt. Für Goh Kleinkram. Damit das auch jeder versteht, bedient er sich wuchtiger Worte und fuchtelt mit Katalogbildchen herum, die den Wahnsinn seines Megaprojektes illustrieren.

Nicht jeder am Äquator teilt die Begeisterung des Vergnügungs-Visionärs. Im Gegenteil. Der 32-Jährige ist ein Alptraum für die mächtigen Konservativen im sittenstrengen Einheitsstaat.

Das Zentrum dieses Zirkels fährt im Toyota Prius vor, trägt ein Hawaiihemd und einen silbernen Beatles-Pilz auf dem Kopf. Tommy Koh, 71, vielleicht einflussreichster lebender Singapurer, liebt den unprätentiösen Auftritt - und das deutliche Wort. "Das ist nicht mehr das Singapur, in dem ich aufgewachsen bin."

Singapur, bisher eher bekannt für Verbote und drakonische Strafen, hat sich ein milliardenschweres Spaßprogramm verordnet. Die Formel-1-Boliden, die an diesem Wochenende durch den Stadtstaat rasen, sind nur ein Beispiel. Kasinos öffnen, Badeinseln werden aufgeschüttet. Die Ideen sind Importe aus dem Westen, nur die Umsetzung fällt am Äquator stets drei Nummern größer aus. Das entzweit die Eliten.

Die Alten um Staatsgründer Lee Kuan Yew - lebende, unantastbare Legende und Aufpasser seines Sohnes, des Ministerpräsidenten - lehnen diese Ideen ab. Die junge Staatsführung steht daher stark unter Druck, ohnehin hat die Finanzkrise schon einige ihrer teuren Pläne geschrumpft. Scheitert sie, stehen Karrieren auf dem Spiel - und die Freiheiten, die die Jungen den Alten in vielen Jahren mühsam abgetrotzt haben.

Tommy Koh, der einst zusammen mit Staatsgründer Lee Kuan Yoo das Modell Singapur ersann, wird ihren Kampf genau beäugen. "Ein interessierter Beobachter" sei er, sagt er selbst. Er sei der einzige Mann im Stadtstaat, auf dessen Urteil der mächtige Staatsgründer Wert lege, sagen alle anderen. Seine Visitenkarte weist ihn als "Senior Ambassador" aus.

In einem klimatisierten Besprechungsraum auf dem Unigelände der Insel, mitten in den kolonialen Überresten, die die Briten hinterließen, hat er seinen Altersposten bezogen. Draußen neigen sich Palmenblätter in einer Tropenbrise. Vögel piepsen. Es ist ein Platz, der wie eine Miniaturausgabe von Kohs idealem Singapur wirkt: schön, ruhig, sauber. Was Robin Goh und seine Vorgesetzten am anderen Ende des Stadtstaats planen, droht diese Idylle zu zerstören.

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