Trauer in ganz Europa
Schwedens Außenministerin Lindh stirbt nach Attentat

Nach einem Messer-Attentat ist die schwedische Außenministerin Anna Lindh an ihren schweren Verletzungen gestorben. Das Attentat auf Schwedens beliebteste Politikerin in einem Kaufhaus in der City löste weltweit tiefe Trauer aus. Wie Regierungschef Göran Persson in Stockholm unter Tränen mitteilte, starb die 46 Jahre alte Mutter von zwei kleinen Kindern um 5.29 Uhr im Karolinska-Krankenhaus der Hauptstadt.

HB DÜSSELDORF An der für Sonntag angesetzten Volksabstimmung über die Euro-Einführung hielt Persson weiter fest.

Persson forderte eine rasche Aufklärung des Attentats. Die Polizei fahndete am Donnerstag in einem Kreis namentlich bekannter Männer nach dem Attentäter. Wie Ermittlungschef Leif Jennekvist mitteilte, deute nichts auf eine längere Planung oder auf Mittäter hin. Über mögliche Motive mit politischem Hintergrund machte er keine Angaben.

„Schweden hat sein Gesicht nach draußen in die Welt verloren“, sagte Persson zu Lindhs Tod. Schwedens König Carl XVI. Gustaf nannte Lindh eine „höchst kompetente Politikerin“. Der Mord rief in Schweden Erinnerungen an das Attentat auf den früheren Regierungschef Olof Palme wach, der 1986 nach einem Kinobesuch erschossen worden war.

Vergeblicher Kampf der Ärzte

Spitzenpolitiker aus aller Welt würdigten die herzliche und offene Art der Sozialdemokratin und ihr Engagement für die europäische Intergation. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach von einem „schweren Verlust“ für Europa und die europäische Sozialdemokratie. Außenminister Joschka Fischer nannte sie eine „große Europäerin, große Außenministerin und auch eine sehr gute Freundin“. US- Außenminister Colin Powell sprach von einem „schrecklichen Schlag“.

Bis in die frühen Morgenstunden hatten die Ärzte um das Leben der blonden Schwedin gekämpft. Sie war durch Messerstiche in Brust, Bauch und Arm verletzt worden. Vor allem an der Leber erlitt sie schwere Schäden mit starken inneren Blutungen. Nach einer achtstündigen Operation verlautete zunächst, ihr Zustand habe sich leicht verbessert und sei nicht lebensgefährlich. Danach ging es ihr rapide schlechter. 13 Stunden nach der Einlieferung starb die Politikerin an Lungenversagen mit anschließendem Kreislaufkollaps.

Ermittlungschef Jennekvist sagte, der Täter sei nach Angaben der vielen Augenzeugen wahrscheinlich Schwede und habe „heruntergekommen“ gewirkt. Der Mann soll etwa 1,80 Meter groß und etwa 30 Jahre alt sein. „Noch spricht der Zeitfaktor nicht gegen uns“, meinte Jennekvist weiter. Er wies Kritik an der Reaktion der Behörden unmittelbar nach der Auslösung der landesweiten Großfahndung zurück.

In ersten Kommentaren wurde massive Kritik an der Geheimpolizei Säpo laut, weil Lindh bei ihrem Einkaufsbummel am Mittwochnachmittag ohne Leibwächter unterwegs gewesen war. Der Vorsitzende des Justizausschusses im Reichstag, Johan Pehrson, sagte: „Ich muss mich sehr wundern, dass die Außenministerin keinen Personenschutz hatte und erwarte eine gute Antwort von Säpo.“ Säpo-Chef Kurt Malmström räumte ein, das Attentat sei ein „Fehlschlag“ für seinen Dienst. Es habe aber vorher keinerlei Bedrohungen für Lindh gegeben.

Personenschutz hat gefehlt

Auch die Medien bemängelten, die Außenministerin hätte angesichts ihrer herausragenden Rolle bei der Ja-Kampagne zum Referendum am Sonntag Personenschutz rund um die Uhr haben müssen. Dieser ist in Schweden derzeit nur für Persson und die Königsfamilie vorgesehen.

Persson kündigte nach einer Kabinettssitzung und Beratungen mit allen Reichstagsparteien an, die Volksabstimmung über den Euro werde wie geplant am Sonntag stattfinden. „Es ist sehr wichtig, dass der demokratische Prozess nicht durch eine Gewalttat unterbrochen wird“, fügte Persson hinzu. Er forderte alle sieben Millionen Wahlberechtigten zur Stimmabgabe auf. Euro-Gegner wie -Befürworter stellten ihre Kampagnen sofort nach Bekanntwerden des Anschlags ein.

Unter Beobachtern in Stockholm gilt es als sicher, dass die in Umfragen bisher weit hinten liegenden Ja-Seite nun mit einem besseren Ergebnis rechnen kann. Wenige Stunden vor Bekanntwerden des Anschlags hatten neue Umfragen einen Vorsprung von mehr als zehn Prozent für die Euro-Gegner ergeben. Entwicklungshilfeminister Jan O. Karlsson wurde mit der vorläufigen Leitung des Außenministeriums beauftragt.

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