Truppenaufstockung
Deutsche sehen Einsatz in Afghanistan zunehmend kritisch

Kurz vor dem Nato-Außenministertreffen in Brüssel wird deutlich, dass sich die Verbündeten der USA immer weniger in Afghanistan engagieren wollen. Deutschland will allenfalls Polizeiausbilder entsenden – Nicht zuletzt, weil der Rückhalt für den Einsatz in der Bevölkerung immer weiter schwindet.
  • 2

HB BRÜSSEL. US-Außenministerin Hillary Clinton hat sich zuversichtlich gezeigt, dass die Nato-Verbündeten die neue US-Afghanistan-Strategie mittragen und die geforderten weiteren Soldaten an die Front schicken werden. Die bisherigen Antworten auf die Forderung von Präsident Barack Obama nach mehr Soldaten sei positiv gewesen, sagte Clinton am Freitag auf dem Flug zum Nato-Außenministertreffen in Brüssel. Es gebe weitverbreitet das Verständnis, dass die Aufgabe, die Obama beschrieben habe, wichtig sei. Nach Gesprächen mit zahlreichen Außenministern erwarte sie in den kommenden Tagen weitere Truppenzusagen.

Obama hatte in einer Grundsatzrede in dieser Woche eine Truppenaufstockung der USA in Afghanistan um 30.000 auf beinahe 100.000 angekündigt und auch von den Verbündeten die Entsendung zusätzlicher Truppen gefordert. Die US-Regierung hofft, dass die Nato-Verbündeten bis zu 7000 weitere Soldaten in den Kampf gegen die radikalislamistischen Taliban schicken. Bereits haben die übrigen Nato-Staaten und weitere Verbündete rund 40.000 Soldaten im Einsatz am Hindukusch. Die Bundesregierung hält sich bislang mit weiteren Zusagen zurück und will darüber erst nach einer Afghanistan-Konferenz im Januar entscheiden. Deutschland hat bereits mehr als 4000 Soldaten in Afghanistan stationiert.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte im Vorfeld der Zusammenkunft, dass Deutschland dazu bereit sei, sich stärker in Afghanistan zu engagieren. „Wir sind bereit, mehr beim zivilen Aufbau zu tun, insbesondere beim Aufbau der Polizei, der Schulung der Polizei“, sagte der Minister. Es müsse „eine selbsttragende Sicherheit in Afghanistan durch die Afghanen selbst geben“.

Er lehnte eine auf Truppenverstärkungen konzentrierte Debatte der Nato ab. „Wir sind als deutsche Bundesregierung glasklar der Auffassung, dass wir in dieser Legislaturperiode, also jetzt in den nächsten kommenden Jahren, eine Abzugsperspektive erarbeitet werden muss“, bekräftigte er. „Wir werden über die Ziele reden. Aber eine Debatte, die sich lediglich auf die Frage verkürzt, wie viele Soldaten - ob mehr oder nicht - das ist aus unserer Sicht weder zielführend noch angemessen.“

Der britische Außenminister David Miliband sagte am Freitagmorgen: „Ich glaube, dass jeder einzelne Außenminister, der an diesem Treffen teilnimmt, und jede einzelne Regierung sich fragen muss, ob sie in militärischer und ziviler Hinsicht das Bestmögliche tun, um einen Erfolg in Afghanistan zu gewährleisten“.

Unterdessen schwindet in der deutschen Bevölkerung der Rückhalt für den Einsatz: Die Deutschen sehen den Afghanistan-Einsaz der Bundeswehr immer kritischer. Im ARD-Deutschlandtrend sprachen sich 69 Prozent der Bundesbürger dafür aus, dass die Bundeswehr „sich möglichst schnell aus Afghanistan zurückziehen sollte“. Das waren zwölf Prozentpunkte mehr als noch im September, wie der Sender am Freitag mitteilte.

Der Infratest-dimap-Umfrage für die „Tagesthemen“ zufolge sind nur noch 27 Prozent der Meinung, die Bundeswehr sollte weiter in Afghanistan stationiert bleiben (minus zehn Punkte). Nach dem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff auf zwei Tanklaster bei Kundus und den folgenden Kommunikationspannen haben drei Viertel der Deutschen kein Vertrauen in die Informationspolitik der Bundesregierung im Hinblick auf den Afghanistan-Einsatz.

Nur 19 Prozent sind den Angaben zufolge der Ansicht, dass die nicht korrekte Information über den Luftangriff „ein Einzelfall war und die Bundesregierung ansonsten umfassend und ehrlich über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan informiert“. 77 Prozent glauben dies nicht.

Kommentare zu " Truppenaufstockung: Deutsche sehen Einsatz in Afghanistan zunehmend kritisch"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @ Tom
    ironie an: Das ist wie im normalen Leben.Erst wenn der Gegner die Waffe auf Sie richtet, dürfen sie schießen und wenn einer Sie zusammenschlage will, dürfen sie auf keinen fall zum Messer oder einer anderen Waffe greifen. i.aus.
    Wir leben in einer degenerierten Gesellschaft!!

  • nun muss ein soldat erst die rechtliche lage prüfen bevor er sich verteidigen darf. bis er zu einem ergebnis gekommen ist, ist er tod.
    wir brauchen einen klaren,uneingeschränkten und dauerhaften schießbefehl der den deutschen rechtlich den rücken stärkt !!!oder einen abzug der noch in diesem jahr beginnen sollte !!!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%