Tschetschenien
Russlands Regierung erklärt Krieg in Tschetschenien für beendet

Russland will mehr als 20 000 Soldaten aus Tschetschenien abziehen, auf die russischen Kerntruppen warten neue Aufgaben wie etwa in Dagestan oder in Inguschetien. Tschetscheniens Landesfürst Kadyrow setzt auf wirtschaftlichen Aufbau - doch in der Region gärt es.

MOSKAU. An den Ausfallstraßen von Grosny, neben Grabstätten anonymer Kriegsopfer und zerbombten Ruinen, unterhält die russische Armee ihre letzten Kontrollposten. Sandsäcke stapeln sich vor den mit Stacheldraht umwickelten Bretterverschlägen. Zwei, drei Soldaten sitzen darin und halten Wache. Doch den Verkehr kontrollieren sie schon lange nicht mehr. Knapp zehn Jahre nach dem zweiten Bürgerkrieg in Tschetschenien sind die russischen Friedenstruppen nur noch pro Forma vor Ort. Der Großteil der noch 50 000 Soldaten verbarrikadiert sich in riesigen Kasernenblöcken am Flughafen von Grosny.

Heute will die russische Regierung Medienberichten zufolge den Anti-Terror-Einsatz in Tschetschenien offiziell beenden und den im September 1999 von Ex-Präsident Boris Jelzin verhängte Sonderstatus "Zone antiterroristischer Aktivitäten" aufheben. Mehr als 20 000 russische Armeeangehörige sollen abgezogen werden; zurück blieben nur Infanterie-Einheiten, die überwiegend mit Tschetschenen besetzt sind.

Die militärische Macht in der einst konfliktreichsten aller Kaukasusrepubliken liegt schon lange in lokaler Hand. Der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow, der als Marionette des Premierministers Wladimir Putin gilt, kontrolliert sein Land mit einer auf 20 000 Mann geschätzten Söldnerarmee. Deren Angehörige sind im Stadtbild von Grosny präsent, nicht die russischen Truppen. Sie kämpften im Auftrag des Provinzfürsten auch in der georgischen Provinz Südossetien - und in geheimer Mission sogar für libanesische Truppen im Krieg mit Israel 2006.

Treibende Kraft hinter dem bevorstehenden Truppenabzug ist offenbar Kadyrow selbst. Der 32-jährige Präsident hatte vorige Woche versprochen, die Sicherheit in seiner Teilrepublik selbst aufrechterhalten zu können. Die in den Bergen um Grosny verschanzten Separatisten, deren Zahl beim russischen Inlandsgeheimdienst FSB auf über 500 geschätzt wird, hält er mit seinen Streitkräften in Schach.

Gleichzeitig ist er auf millionenschwere Wirtschaftshilfe aus Moskau angewiesen, um den Wiederaufbau vorantreiben und den brüchigen Frieden stabil halten zu können. Doch die Regierung hatte in der Vergangenheit mehrfach angekündigt, die Aufbauhilfe zu kürzen und Tschetschenien spätestens ab 2012 wie eine ganz normale Teilrepublik zu behandeln.

Mit dem Abzug der russischen Streitkräfte aus Tschetschenien, so lautet das Kalkül, würde Moskau Kosten sparen - und die Regierung könnte die Republik mit einer Arbeitslosenquote von mehr als zwei Dritteln weiter mit Subventionen unterstützen. Darüber hinaus plant Kadyrow den Ausbau des örtlichen Airports zum internationalen Flughafen mit Direktflügen in islamische Länder. Das wäre aber schon aus zollrechtlichen Gründen erst möglich, wenn der Sonderstatus gestrichen wird.

Für die russischen Kerntruppen warten neue Aufgaben: Die benachbarten islamischen Republiken Dagestan und Inguschetien sind in den vergangenen Jahren zu neuen Unruheherden unter den russischen Kaukasusrepubliken geworden. Vor allem in Inguschetien vergeht kaum ein Tag ohne einen neuen islamistisch motivierten Terroranschlag. Im Laufe der vergangenen vier Jahre sollen allein dort mehr als 600 Menschen bei Terroranschlägen ums Leben gekommen sein. Auch in Dagestan kommt es permanent zu Gewalttaten; wie in Inguschetien streben Fundamentalisten nach dem Aufbau einer streng islamischen Herrschaftsordnung und der Abgrenzung von Russland.

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