Türkei
Die Angst der Minderheiten vor dem Aussterben

Der Umgang der Türkei mit Minderheiten ist ein wichtiges Kriterium im Modernisierungsprozess des Landes auf dem Weg in die Europäische Union. Im jüngsten Fortschrittsbericht stellte die EU-Kommission dem Beitrittskandidaten in diesem Punkt Anfang November ein schlechtes Zeugnis aus. Auch im Land selbst gibt es viele kritische Stimmen.

ISTANBUL/ANKARA. Wenn sich in der Istanbuler Mariä-Verkündigungskirche am Sonntag ein gutes Dutzend Menschen zum griechisch-orthodoxen Gottesdienst versammeln, wirkt die Kirche sehr leer. Über mangelnde Präsenz kann sich Pater Dositheos jedoch nicht beklagen, denn es ist mehr als die Hälfte der Gemeinde – sie hat insgesamt 21 Mitglieder. Mitte der 60er-Jahre waren es noch mindestens 6 000 Menschen.

Diese Entwicklung ist symptomatisch für die griechisch-orthodoxe Kirche in der Türkei. So hat sich die Zahl ihrer Anhänger in Istanbul im selben Zeitraum von 110 000 auf heute nur noch 3 000 verringert, von denen die Hälfte älter als 55 Jahre ist. Damit sind sie die kleinste religiöse Gruppe der Türkei. Sie ist vom Aussterben bedroht.

Und das auch in anderer Hinsicht: Istanbul ist für die weltweit 330 Mio. Griechisch-Orthodoxen eine sehr wichtige Stadt, sitzt dort doch ihr Patriarch Bartholomäus I., das symbolische Oberhaupt aller orthodoxen Christen. Laut türkischem Recht muss er türkischer Staatsbürger sein. Weil zusätzlich das einzige griechisch-orthodoxe Priesterseminar im Land 1971 vom Staat geschlossen wurde, dürfte es nahezu unmöglich werden, eines Tages einen Nachfolger für den seit 1991 amtierenden Patriarchen zu finden, der heute 68 Jahre alt ist.

Die Griechen in der Türkei mussten viel Leid ertragen. So kam es in der Nacht auf den 7. September 1955 zu Pogromen. Eleni Funda, Jahrgang 1932 und eine der Gottesdienstbesucher, hat die Ausschreitungen damals miterlebt. „Es war furchtbar. Ich dachte, dass ich die Türkei verlassen müsse.“ Doch sie ist bis heute geblieben und sagt: „Ich liebe dieses Land.“

„Wir sind die Letzten, am Ende bleibt keiner übrig“ ist ihr deutlich bewusst. Deshalb bedauert sie, dass ihre Tochter mit einem Muslim verheiratet ist. „Aber man muss das akzeptieren: C’est la vie.“ Dennoch versucht sie ihrer Enkelin die Sprache beizubringen, in der sie selbst hauptsächlich kommuniziert: Griechisch – bisher aber „mit wenig Erfolg“.

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