Türkei-Wahl
Über Nacht zum Propaganda-Organ

Nach Tagen unter einer Zwangsverwaltung sind heute zwei kritische türkische Zeitungen wieder erschienen – mit überraschend positiven Artikeln über Staatschef Erdogan. Einer der Chefredakteure erklärt die 180-Grad-Wende.

IstanbulZwei türkische Zeitungen, die noch kürzlich für heftige Opposition gegen die Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan und herrschenden Verwaltung der Nation bekannt waren, haben nach ihrer Zwangsverwaltung durch einen Staatsanwalt zu Beginn dieser Woche ihre Haltung gegenüber der Regierung quasi über Nacht um 180 Grad gedreht.

Die beiden Zeitungen Millet und Bugün veröffentlichten am Freitag Geschichten, in denen Staatspräsident Erdogan in höchsten Tönen gelobt wird. Noch am Tag zuvor titelte Bugün, mit der Einführung eines Zwangsverwalters sei das Blatt quasi konfisziert worden. Videomaterial vom Donnerstag zeigte den von einem Gericht bestimmten Treuhänder in der Nachrichtenzentrale der Zeitung, wie er unter Geleitschutz der Polizei Angestellte beschimpfte und kritische Reporter feuerte.

Bugun und Millet sind nach Verkaufszahlen auf Platz 17 und 26 unter den zahlreichen türkischen Tageszeitungen, mit je 104.000 respektive 47.000 verkauften Ausgaben, nach Angaben des Instituts Medyatava. Zum Vergleich: Marktführer Zaman verkauft 615.000 Ausgaben täglich, Hürriyet 365.000. Auch diese beiden Zeitungen gelten als regierungskritisch, Zaman zudem ebenso als Gülen-nah.

Die Pressefreiheit hat sich im Laufe Erdogans Regierungszeit laufend verschlechtert. Die Nation liegt auf dem Ranking von Reporter ohne Grenzen derzeit auf Platz 149. von 180 Ländern, im Vergleich zu Platz 99 von 139 Ländern im Jahr 2002.

Am Mittwoch hatte die Polizei außerdem das Gebäude zweier Fernsehsender gestürmt. Mit einem Metallschneider verschafften sie sich Zugang zum Gelände, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Angestellte versuchten die Polizei mit Regenschirmen zurückzudrängen. Die Beamten setzten Tränengas ein. Inzwischen sind beide Sender von der Bildfläche verschwunden.

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„Freie Medien zum Schweigen bringen“

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