Türkei will Frauen das Lachen verbieten
Zum Lachen in den Keller

„Keuschheit, Scham und Ehre“ schätzt der türkische Vizepremier an Frauen. Deshalb will er ihnen das Lachen in der Öffentlichkeit verbieten. Und „unnötige Telefonate“ per Handy. Denn die würden den Moralverfall fördern.
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AthenErst die Alkoholverbote, dann die Geschlechtertrennung in den Studentenheimen – und jetzt geht die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan noch einen Schritt weiter: Erdogans Stellvertreter, Vizepremier und Regierungssprecher Bülent Arinc, will den türkischen Frauen das Lachen in der Öffentlichkeit verbieten. Im westtürkischen Bursa beklagte Arinc jetzt in einer Ansprache anlässlich des islamischen Zuckerfestes einen Verfall der Moral in seinem Land. „Keuschheit ist sehr wichtig“, mahnte Arinc. „Scham und Ehre“ seien entscheidende Werte. „Keuschheit ist nicht nur ein Wort, sondern eine Zierde für Frauen und Männer“, so der stellvertretende Regierungschef.

Dazu gehöre, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht laut lachen oder ihre Attraktivität zur Schau stellen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Arinc kritisierte auch „unnötige Telefonate“. Viele Frauen tauschten über ihre Handys Kochrezepte und allerlei Tratsch aus. Auch überflüssiges Herumfahren in Autos sei verwerflich. „Die Menschen müssen den Koran wiederentdecken“, forderte der Politiker. Das Fernsehen mache mit seinen Serien viele Teenager zu „Sex-Besessenen“, beklagte Arinc. Auch der einfache Zugang zum Internet sei schädlich. „Wo sind unsere Mädchen, die erröten und ihr Gesicht schamhaft verbergen, wenn wir sie ansehen, diese Symbole der Keuschheit?“, fragte er. Arinc gilt als möglicher Kandidat für die Nachfolge Erdogans im Amt des Regierungschefs, wenn der heutige Premier im August zum nächsten Staatspräsidenten der Türkei gewählt werden sollte.

Kritiker der islamisch-konservativen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP), die das Land seit fast zwölf Jahren regiert, werfen ihr vor, sie wolle den Menschen ihre vom Islam geprägten Wertvorstellungen aufzwingen. Sie fürchten, dass Erdogan als Staatsoberhaupt die Islamisierung von Staat und Gesellschaft in der Türkei weiter vorantreiben wird.

Der Islamgelehrte Ekmeleddin Ihsanoglu, der bei der Präsidentenwahl als Kandidat zweier Oppositionsparteien gegen Erdogan antritt, widersprach den Ansichten des Vizepremiers Arinc: Nichts brauche die Türkei so sehr wie das fröhliche Lachen der Frauen, teilte Ihsanoglu auf Twitter mit. Eine türkische Fernsehjournalistin rief dazu auf, Frauen sollten sich künftig einmal in der Woche zu öffentlichen „Lach-Demonstrationen“ treffen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

Kommentare zu " Türkei will Frauen das Lachen verbieten: Zum Lachen in den Keller"

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  • fehlt noch ...

    "Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft:"
    FSK 6 - der Held ist ein Mädchen
    FSK 12 - der Held kriegt das Mädchen
    FSK 16 - der Bösewicht kriegt das Mädchen
    FSK 18 - jeder kriegt das Mädchen
    (ausgeborgt)

  • @ Hikmet Özdemir

    „Die Türkei ist demokratischer den je geworden.“

    Wenn dem so wäre, wie Sie schreiben, was oder wer hält Sie noch hier? Erfüllen Sie den Vorsatz Ihrer Eltern und Großeltern : „Im nächsten Jahr gehen wir zurück“ und gehen Sie in das Land, das sich unter seinem Führer Erdogan auf den Weg gemacht hat ein fundamentalistisches islamisches Land zu werden. Sie müssen dann, wie offensichtlich viele Ihrer Landsleute hier, auch keine Furcht mehr haben von „Rechten“ bedroht zu werden, denn die gibt es ja nur in Deutschland. Die TR fehlt der EU und deren Bürgern ganz bestimmt nicht, bei Rußland stimme ich Ihnen zu.
    Lächerlich empfinde ich die Haltung eines türkischen Politikers, der sich anmaßt über das Lachen von Frauen in der Öffentlichkeit bestimmen zu wollen, denn Demokraten würden dies ohne weiteres aushalten. Ich setze auf die Kraft der Frauen, die ihm durch öffentlichen Protest die Pappnase aufsetzen.

  • Die wichtige Präsidentenwahl in der Türkei,wird von Deutschen Politikern unterstützt. Türken bekommen ihre Wahllokale in Deutschland fast vor die Haustür damit kein Erdogan Türke erst in die nächsten Konsulate oder Botschaft reisen muss. Schliessslich wollen alle Politiker Erdogan an
    die Macht bringen als Präsident der Türkei und Teilen von Deutschland.

    Gegenüber Gauck wird Erdogan vom Volk gewählt. Da kann Gauck nur staunen das es sowas selbst in der Türkei gibt.

    Für Deutsche Türken wird Erdogan ihr Präsident. Wen sollten sie auch sonst aktzeptieren!

    Aleviten,Christen und Kurden wählen vermutlich nicht,
    sie gehören zu den Verfolgten in der Türkei.

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