U-Haft für Welt-Korrespondenten
Empörung und Unverständnis im Fall Yücel

„Welt“- Korrespondent Deniz Yücel sitzt in türkischer Untersuchungshaft. Völlig offen ist, wie lange er dort bleibt. In Deutschland ist die Aufregung groß – eine schwierige Zeit für die deutsch-türkischen Beziehungen.
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Istanbul/BerlinDer Fall Deniz Yücel belastet das Verhältnis Deutschlands zur Türkei. Die deutsche Regierung, Parteien und Journalistenverbänden reagierten mit Unverständnis und Empörung auf die in der Türkei verhängte Untersuchungshaft gegen den „Welt“-Korrespondenten. Für Dienstag waren in mehreren deutschen Städten sowie Wien, Graz und Zürich Protestkundgebungen geplant.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte die Anordnung der Haft „bitter und enttäuschend“. Die Regierung hoffe, dass Yücel schnell frei komme. „Diese Maßnahme ist unverhältnismäßig hart, zumal Deniz Yücel sich der türkischen Justiz freiwillig gestellt und für die Ermittlungen zur Verfügung gestellt hat“, erklärte Merkel. Die Bundesregierung erwarte, dass die türkische Justiz im Fall Yücel „den hohen Wert der Pressefreiheit für jede demokratische Gesellschaft“ berücksichtige.

Der Journalist war am Montag nach 13 Tagen im Polizeigewahrsam in Untersuchungshaft genommen worden. Diese kann fünf Jahre dauern, bis es zur Freilassung oder zu einem Prozess kommt, in dem die Schuldfrage geklärt wird. Dem 43-jährigen Korrespondenten werden der „Welt“ zufolge „Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung“ vorgeworfen. Yücel besitzt die deutsche und türkische Staatsbürgerschaft. Aus Sicht der türkischen Behörden ist er damit ein einheimischer und kein ausländischer Journalist.

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) sprach von „schwierigen Zeiten für die deutsch-türkischen Beziehungen“. Justizminister Heiko Maas (SPD) nannte den Umgang mit dem Journalisten „völlig unverhältnismäßig“. Kritische Berichterstattung sei „fundamentaler Bestandteil demokratischer Willensbildung“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

FDP-Chef Christian Lindner begrüßte die Aussagen der Bundesregierung. Er forderte sie nun auf, einen möglichen Auftritt des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland zu stoppen: „Die Bundesregierung kann und muss das verhindern“, sagte Lindner der „Heilbronner Stimme“.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nannte den Haftbefehl „inakzeptabel“. Reporter ohne Grenzen erklärte: „Dass ein Korrespondent einer namhaften ausländischen Redaktion sich jetzt gegen solche Anschuldigungen erwehren muss, bedeutet eine neue Qualität der Verfolgung, die deutlich über die bisherigen Schikanen wie Einreisesperren oder verweigerte Akkreditierungen hinausgeht.“ Yücel und alle anderen inhaftierten Journalisten müssten sofort freigelassen werden, forderte RoG-Geschäftsführer Christian Mihr.

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Yücel kein Einzelfall

Kommentare zu " U-Haft für Welt-Korrespondenten: Empörung und Unverständnis im Fall Yücel"

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  • @ Herr Old Harold

    Auch nach Durchsicht von Artikel und Kommentaren erschließt sich nicht, wer „Immer hübsch bei der Wahrheit bleiben“ soll – jedenfalls nicht in Bezug zum Thema „Aufnahme der Türkei in die EU.

    Sicher ist es genauso die Wahrheit, dass Merkel früher mal des Öfteren nur auf eine privilegierte Partnerschaft mit der Türkei gedrängt hat, wie auch die Tatsache, dass die früher mal behauptet hat, der Islam gehört nicht zu Deutschland.

    Von einer „privilegierten Partnerschaft“ hat sie meiner Erinnerung nach mindestens die letzten 2 Jahre nicht mehr gefaselt.

    Und überhaupt; was hat diese Merkel nicht schon alles vertreten, um je nach Windrichtung dann später aus Gründen ihres Machterhalts dem staunenden Pack genau das Gegenteil zu verkünden.

    Um zum Thema Wahrheit zurückzukommen – wie soll das Pack angesichts der rasant schneller wechselnden politischen Wahrheiten noch wissen, was die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ist?

    Üblicherweise kommt die bittere Wahrheit erst dann an das Licht, wenn sich verhängnisvolle, aber vorhersehbare Dunkelheit ausgebreitet hat. Dann ist es aber in der Regel zu spät – denn dann nützt sie nichts und niemandem mehr etwas.

  • Immer hübsch bei der Wahrheit bleiben:

    Merkel war es, die der Rot/Grünen-Forderung nach einer schnellen EU-Aufnahme der Türkei, stets widerstanden hat, und stattdessen der Türkei immer nur eine "Privilegierte Partnerschaft" angeboten hatte.

  • @Peer Kabus: Super Text, bin 100 Prozent d´accord!

    @Hans Schönenberg: In welche Schublade Sie meinen Text stecken, ist mir ehrlich gesagt wirklich egal. Ihrer hingegen ist rechtlich betrachtet substanzlos, denn welche Emotionen Sie persönlich zur Pressefreiheit innerhalb der Türkei treiben, interessiert die Türken einen Dreck. Fakt ist, dass Yücel Türke ist und damit ist er strafbar in der Türkei nach türkischen Recht bzw. nach der Rechtsauslegung unter Erdogan. Und dahingehend haben Merkel, Gabriel und Sie sich doch bitteschön klar rauszuhalten.

    By the way: Was wir unter den GEZ-Medien hier in Deutschland haben, ist auch keine Pressefreiheit mehr, sondern reine Volksverblödung in der DDR 2.0 unter Merkel.

    Deutschland schafft sich ab, wie bereits Herr Sarazin und Herr Kabus sagten!!!

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