Unabhängiges Kosovo
Serben rufen: Russland, hilf!

Die Welle der Anerkennung rollt: Die USA, Deutschland und die meisten EU-Länder werden das kleine Kosovo als jüngsten europäischen Staat in aller Kürze anerkennen. Serbien rief aus Protest seine Botschafter zurück. Doch dass das Land auch diese Schlacht verlieren wird, ahnen bereits viele in Belgrad und Mitrovica.

MITROVICA. Was für ein Mann!“, ruft Jaklina Milosavljevic enthusiastisch. Dabei blitzen die wenigen stählernen Stifte zwischen den Zahnlücken. Die Blumenverkäuferin trägt ihre Hoffnung auf einem Foto vor ihrer breiten Brust zur Schau: All ihre Zuversicht setzt sie auf Wladimir Wladimirowitsch Putin. „Rusiju Pomosi!“ fordert auch das Plakat an der Bühne in Mitrovica – Russland hilf!

Tausende Serben stehen vor der Bühne im Norden der geteilten Stadt. Heftig schwenken sie die Trikolore Serbiens im eisigen Wind. Rot-blau-weiß – die gleichen Farben trägt auch Russlands Flagge. Die ganze Bevölkerung von Nord-Mitrovica scheint an diesem Mittag auf den Beinen und steht dicht gedrängt.

Nicht weit von hier führt die Brücke über den Ibar, die diesen rostigen Industriemoloch in ein serbisches und ein albanisches Viertel teilt. Wie aus einem Mund schreien die Demonstranten: „Nieder mit den Yankees und den Shiptars“, wie sie verächtlich Amerikaner und Albaner nennen. Immer wieder ertönen „Serbija, Serbija“ und „Russland“-Sprechchöre.

Der Führung in Belgrad aber vertrauen die Serben im Kosovo kaum mehr, seit die albanische Führung am Sonntag einseitig die Unabhängigkeit ausgerufen hat: Die Plakate des pro-europäischen serbischen Präsidenten Boris Tadic entlang der Straßenzüge in Mitrovica sind herunter gerissen, überall prangen die Bilder seines bei der jüngsten Präsidentenwahl unterlegenen Herausforderers, des Radikalenführers Tomislav Nikolic. Daneben immer wieder kleine Putin-Plakate.

In ihren Reden lassen die Anführer keinen Zweifel, dass sich die serbisch bewohnten Enklaven und vor allem der kompakt serbisch besiedelte Norden des Kosovos nicht der Regierung in Pristina oder hier eingerichteten EU-Institutionen unterstellt, sondern nur Belgrad.

Doch dass Serbien auch diese Schlacht verlieren wird, ahnen bereits viele in Belgrad und Mitrovica. Wer heute von Pristina kommend gen Mitrovica fährt und dabei die alten Schlachtfelder des Amselfeldes kreuzt, auf dem sich im 14. Jahrhundert die Serben äußerst verlustreich aber letztlich erfolglos den türkischen Eroberern entgegenwarfen, sieht keine Amseln: Die auf Frühlingswärme wartenden frisch gepflügten Felder sind übersät von Nebelkrähen.

Aus einer Gruppe junger Frauen auf der Demonstration in Mitrovica spricht die Angst: „Die Albaner werden den Druck auf uns erhöhen. Und dann bleibt uns wieder nur die Wahl: Gewalt oder Flucht nach Serbien“, sagt die Studentin Liljana Radomirovic und hält ihr Neugeborenes im Arm. Hätte sie Verwandte in Serbien, hätte sie zumindest das Kind aus Angst vor Übergriffen weggebracht. „Sie werden uns nie in Frieden hier leben lassen“, sagt die 22-Jährige. Schon jetzt leben mehr aus dem Kosovo stammende Serben in Serbien als die 120 000 im Kosovo verbliebenen, die das Kosovo als historische Wiege Serbiens ansehen.

Die Serben spüren ihre eigene Ohnmacht allzu deutlich, in Mitrovica bleibt die Demonstration trotz all des Zorns verhältnismäßig friedlich. Zwar hatten Unbekannte eine Handgranate in ein Haus geworfen, das die neue EU-Mission beziehen sollte, doch es gab nur Sachschaden. Dagegen ließen in Belgrad junge Serben ihrem Frust freien Lauf: Sie bewarfen westliche Botschaften, vor allem der USA und der aktuellen EU-Präsidentschaft Slowenien, mit Steinen und lieferten sich heftige Straßenschlachten mit der Polizei.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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