Unterwegs in Athen
Bargeldlos in Athen

Der Geldmangel ist in Athen inzwischen unübersehbar. Viele Läden sind leer, in den Supermärkten kaufen die Menschen nur das Nötigste, und für den Export vorgesehene Waren verderben. Wie der Einzelhandel die Krise erlebt.
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AthenUnser Autor Georgios Kokologiannis ist nach Athen gereist und sammelt Fakten, Eindrücke und Momente einer Krise, die 2009 begann und inzwischen ganz Europa in Atem hält. In einer Kolumne berichtet er täglich Begebenheiten aus Griechenland.

Heute: Die Folgen der Krise für den Einzelhandel

„Zehn Prozent Nachlass kann ich Ihnen gewähren, falls Sie doch lieber cash im Voraus bezahlen möchten“, sagt der elegant gekleidete Empfangschef des kleinen Hotels an einer Seitenstraße des zentral gelegenen Omonia-Platz in Athen. Weil der Internetzugang in meiner bisherigen Unterkunft immer unzuverlässiger funktionierte, habe ich mich entschlossen umzuziehen.

„Efcharisto poli – aber ich würde gerne trotzdem mit Kreditkarte zahlen“, lehne ich das Rabatt-Angebot in meinem neuen Hotel freundlich ab. In Ordnung, das sei überhaupt kein Problem, entgegnet mir der hagere Mittvierziger im schwarzen Anzug – nur um dann fast im gleichen Atemzug beim Ausfüllen des Meldeformulars leise nachzulegen: „Wären Sie mit fünfzehn Prozent einverstanden?“

Evangelos tut mir in diesem Moment leid. Man merkt ihm an, dass es ihn Überwindung kostet, an seinem Tresen um die Art der Bezahlung zu feilschen. Er versichert mir, dass er es ja nachvollziehen könne, dass auch ich in dieser Situation mein Bargeld zusammen halten möchte. „Wer weiß, wie lange die Automaten noch aufgefüllt werden“, sagt er. „Haben sie die Menschenansammlungen vor den Banken heute Morgen gesehen?“

Das hab ich. Mittlerweile gibt es sie an fast jedem Bankgebäude. Die Schlangen werden von Tag zu Tag länger. Und inzwischen sind an den meisten Terminals die Zwanzig-Euro-Scheine ausgegangen, so dass es für jeden Wartenden nur noch fünfzig statt sechzig Euro täglich gibt.

„Die Touristen halten uns über Wasser“

Der Mangel an Liquidität ist inzwischen unübersehbar in Griechenlands Hauptstadt. In vielen Einkaufsläden herrscht gähnende Leere. Selbst in Supermärkten kaufen die meisten Menschen offensichtlich nur noch das Nötigste. Grundnahrungsmittel, Getränke, Lange Haltbares. „Das einzige, was uns derzeit noch über Wasser hält, sind die Touristen“, sagt Aspasia, die eine Mischung aus Tante-Emma-Laden und Souvenirshop in der Athener Altstadt betreibt. Dennoch seien ihre Umsätze unterm Strich um rund die Hälfte eingebrochen.

„Ich frage mich inzwischen, was uns zuerst ausgehen wird: Das Wechselgeld oder die Waren, die wir verkaufen“, sagt die ältere Dame. „Das meiste von dem, was Sie hier sehen, kommt aus dem Ausland“. Doch wegen der Importbeschränkungen hätten ihre Lieferanten Probleme für ausreichend Nachschub zu sorgen. Das Ausland schickt alles nur noch gegen Vorkasse in bar nach Griechenland. Mein Schwager ist Lkw-Fahrer berichtet sie. Er habe kaum noch etwas zu tun.

Viele Transportfahrten seien inzwischen tatsächlich gestrichen worden, bestätigt mir ein Logistik-Unternehmer, der in einer deutschen Zeitung nicht namentlich erwähnt werden möchte. „Früchte und Gemüse, die für den Export vorgesehen seien, verderben mittlerweile palettenweise“. Diese Ausfuhren lohnten sich nur, wenn die Anhänger nicht leer aus dem Ausland zurückkehren – sondern beladen mit Fleisch, Milchprodukten und Medikamenten aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich. „Andernfalls rechnen sich die Transportkosten nicht.“

„Dieser Tsipras hat uns zum Gespött in ganz Europa gemacht“, regt sich der Mann auf. Eigentlich geschehe es jenen recht, die mit „Nein“ gegen eine Einigung mit den europäischen Geldgebern gestimmt hätten. „Ich aber gehöre weder zu diesen 61 Prozent, die für unseren Untergang gestimmt haben, noch habe ich mich nach der Volksabstimmung vor dem Parlament zum Kalamatianos (ein griechischer Tanz, a. d. R.) eingefunden. „Es ist einfach nur schrecklich, was und diese „faschistoiden Kommunisten“ eingebrockt haben.“

Georgios Kokologiannis ist Redakteur im Finanzteam des Handelsblatts, mit Sitz in Frankfurt am Main. Er studierte Betriebswirtschaftslehre in Düsseldorf mit Schwerpunkt auf Controlling und Marketingmanagement. Bereits während seiner Studienzeit wirkte der Diplom-Kaufmann erstmals an der Entwicklung des Handelsblatt-Onlineangebots mit. Seinen journalistischen Feinschliff erhielt der Kapitalmarktexperte an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Mit Geldanlage-Themen beschäftigt sich der Derivatespezialist für das Handelsblatt seit mehr als 17 Jahren. Dabei wurde er mit dem DDV-Preis für Wirtschaftsjournalisten ausgezeichnet und hat zuletzt vier Jahre lang das Musterportfolio der Redaktion verantwortet.
Georgios Kokologiannis
Handelsblatt / Finanzredakteur

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  • Das sind leider Einzelmeinungen. Trotz dem Wissen, welche Konsequenzen das Referendum haben wird, haben sich die Griechen demokratisch gegen Hilfen entschieden. Meine Verständnis stößt an Grenzen.

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