US-Präsident in Frankreich und Deutschland
Obamas Besuch der Bilder

Barack Obamas Besuch in Frankreich war – wie auch der in Deutschland – ein Besuch der Bilder, der Erinnerungen und der Emotionen – und nicht der politischen Gespräche. Die Prioräten liegen anderswo, denn das Wichtigste hat der US-Präsident in Europa bereits geschafft: Die Beziehungen zu den alten Allierten wieder zu normalisieren.

COLLEVILLE. Georges Scales blickt durch seine riesige eckige Sonnenbrille auf die weißen Steinkreuze, die sich vor ihm erstrecken. „Nein, von meiner Einheit bin ich der Einzige, der noch lebt“, sagt der ehemalige Commanding Officer des Landungsbootes LCT 7011 der britischen Streitkräfte. Vor 65 Jahren war Scales einer von jenen 135 000 Soldaten, die die Küste Nordrankreichs stürmten, um Europa zu befreien.

Mit seinem Landungsboot und 16 seiner Kameraden nahm er damals Kurs auf Juno Beach. Die Mission: Den dort kämpfenden Kanadiern Nachschub liefern, 10 000 Kisten Munition. „Doch etwas ging schief, wir liefen auf eine Sandbank, 75 Meter vor dem Strand“, erinnert sich der alte Mann mit der blassen Haut und den funkelnden Orden an der Brust seiner Sommerjacke. Als sie endlich am Strand ankamen, war niemand mehr da, um beim ausladen zu helfen. „Also haben wir das alleine gemacht, wir haben 40 Tonnen Munition an Land geschleppt“, lacht er und bleckt seine fünf verbliebenen Zähne.

Scales und seine verstorbenen Kameraden zu ehren, dafür ist US-Präsident Barack Obama am Samstag nach Nordfrankreich auf den US-Soldatenfriedhof in Colleville gereist. Wie schon der Besuch in Deutschland war es ein Besuch der Bilder, der Erinnerungen und der Emotionen – und nicht der politischen Gespräche. Mochte Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy noch so gedrängt haben – mehr als ein kurzes Tete-a-tete in der Präfetkur in Caen war nicht drin. Angela Merkel braucht also nicht neidisch zu sein.

Denn Europa ist derzeit gewiss nicht die politische Priorität des US-Präsidenten. Das Wichtigste hat Obama in Europa bereits geschafft: Die Beziehungen zu den alten Allierten wieder zu normalisieren, die durch acht Jahre Bush Administration arg strapaziert worden waren.

In den meisten Politik-Feldern ziehen Amerikaner und Europäer wieder an einem Strang. Das wurde auch bei der kurzen Pressekonferenz in Caen deutlich, in der Sarkozy und Obama Einigkeit demonstrierten: Ein Iran im Besitz von Atomwaffen hält der US-Präsident für „extrem gefährlich.“ Und Sarkozy stimmte zu: „Wir wollen keine Verbreitung von Atomwaffen.“ Mit Blick auf den Nahen Osten erinnerte Obama daran, dass das Schicksal von Israelis und Palästinensern „verbunden“ sei.

In der Frage eines EU-Beitritts der Türkei blitzen kurz Divergenzen auf. Obama ist bekanntlich dafür, Sarkozy kategorisch dagegen. Einig sei man sich darin, dass die Türkei eine wichtige Mittlerrolle zwischen Orient und Okzident zukäme, so Sarkozy. Differenzen gäbe es allerdings bei den „Modalitäten“, wie die Türkei diese Rolle ausfüllen solle.

Kurze Zeit später auf dem Soldatenfriedhof in Colleville trübte dann keine Wolke mehr die Gedenkfeier. Unter einem strahlend blauen Himmel hatten die D-Day-Veteranen ihren Ehrenplatz mit dem sandsteinernen Gedenkbogen im Rücken, direkt hinter dem Rednerpult. Das war so aufgestellt, dass der Redner einen guten Blick auf die 9 387 weißen Steinkreuze des Friedhofs hatte. Vor jedem dieser Kreuz steckten eine französische und eine amerikanische Fahne.

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