US-Staat gilt als Gradmesser
Stimmungsmache in der Provinz

In Staaten wie Ohio entscheidet sich der US-Wahlkampf. Dort, wo viele Konservative leben, aber auch Tausende Jobs verloren gehen, sind nach Ansicht der University of Akron noch zehn Prozent der Wähler unentschieden.

HB CANTON/OHIO. Freitag, 14.30 Uhr. Schichtwechsel bei Timken. Mike Rodgers läuft mit seiner blauen Kühlbox durchs Werktor in den Feierabend. Langsam, fast schleppend überquert er den Parkplatz. Früher, als er seine Kollegen nach der Arbeit zum Wochenend-Football getroffen hatte, sauste er mit seinem Auto zum Stadion. Heute grübelt der Mann mit dem schwarzen T-Shirt über das, was er seinen „Albtraum“ nennt: „Die Firma macht dicht, und ich stehe auf der Straße. Wo willst du denn mit 48 noch hin?“

Mike ist Maschinenschlosser und hat zwei Töchter, die aufs College gehen. Mit seinem Jahresgehalt von 43 000 Dollar waren die Studiengebühren bislang kein Problem. „Aber bei dem, was meine Frau als Teilzeit-Sekretärin verdient, reicht das hinten und vorne nicht.“

Die schlechte Nachricht kam im Mai. Damals kündigte der Stahlriese Timken an, drei Fabriken an seinem Hauptquartier in Canton im Nordosten des US-Bundesstaates Ohio zu schließen. „Nicht mehr wettbewerbsfähig“, beschied die Konzernleitung kurz und knapp. 1 300 Jobs fallen damit weg: Über Modalitäten und Zeitpunkt verhandeln derzeit Management und Gewerkschaft. Für Canton mit seinen rund 80 000 Einwohnern ist das ein harter Schlag. „Canton ist Timken“, sagen die Leute in der Stadt.

Seitdem denkt Mike über die Globalisierung nach. „Amerikanische Betriebe können bei einem Tageslohn von 100 Dollar unmöglich mit Firmen in der Dritten Welt konkurrieren, die nur zehn Dollar zahlen“, klagt er. „Immer mehr große Unternehmen wandern in die Billigländer ab, aber es wird ihnen zu leicht gemacht: Da gibt es zu viele Steuerschlupflöcher.“ Vor vier Jahren hat Mike noch George W. Bush gewählt. Am 2. November will er für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry stimmen, obwohl sich seine Begeisterung in Grenzen hält: „Wer weiß, was der anstellt, wenn er im Weißen Haus sitzt – doch Bush muss weg“, betont er und ballt dabei die Faust.

Das ist die Stimmung, auf die die Opposition setzt. Beim heute beginnenden Parteitag der Demokraten in Boston will Kerry seine Kampagne für „Amerikas ausgequetschte Mittelklasse“ auf Touren bringen. Bislang konnte der gelegentlich etwas steif wirkende Senator von Massachusetts die US-Bürger nicht elektrisieren. Doch sein charismatischer Vize, der Arbeitersohn John Edwards, soll ihm helfen, die Massen zu gewinnen. Nachrichten wie die Schließung der Timken-Fabriken in Canton kommen den Demokraten da gerade recht.

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