US-Kongresswahlen
Ein Couchsurfer auf dem Weg nach Washington

Neben dem Präsidenten wird am 8. November auch ein Teil des US-Kongresses gewählt. Auf einen Platz hofft Dimitri Cherny. Er war IT-Manager, verlor 2008 alles und wurde obdachlos. Dann machte er sich auf eine große Reise.
  • 1

CharlestonEin undefinierbares Fahrradkonstrukt rollt auf den Schotterparkplatz der lokalen Brauerei Holy City Brewing im Norden von Charleston, South Carolina. Halb Boot, halb Fahrrad. Die Besucher auf der Terrasse der Brauereibar schauen interessiert und neugierig. Im Sattel: Dimitri Cherny, einer der wohl ungewöhnlichsten Politiker in den USA.

Die Ärmel seines durchschwitzten Hemds sind hochgekrempelt, auf dem Unterarm zeigt sich ein Tattoo von Bernie Sanders, dem unterlegenen Parteirivalen von Hillary Clinton. Cherny steigt ab und gesellt sich unter die Menschen. Die scharen sich interessiert um ihn, um mehr über den Mann mit der Tropenmütze und der blauen Krawatte zu erfahren. Cherny schüttelt viele Hände, hört zu und beantwortet Fragen. Manche rollen die Augen, drehen sich wieder weg, doch die meisten bleiben stehen und hören seine Geschichte.

Der 56-Jährige ist Wahl-Obdachloser und fährt derzeit mit seinem selbstgebastelten Fahrradboot durch South Carolina. Er verbindet damit seine politische Kampagne mit seiner Leidenschaft fürs Tüfteln, Radeln und Segeln. Er übernachtet bei Freunden und Bekannten auf der Couch. Nach wie vor kann er sich keine Wohnung leisten. Natürlich könne Cherny einen Job auf Mindestlohnbasis annehmen und sich eine kleine Wohnung mieten. Doch er möchte etwas verändern in den Vereinigten Staaten. Und so fließt all seine Energie und seine finanziellen Mittel in seine persönliche Kampagne.

Auf seiner Fahrradtour vom 29. Juni bis 30. September durch den Bundesstaat an der Ostküste hat er rund 1700 Kilometer zurückgelegt. So wollte er mit möglichst vielen Leuten in Austausch kommen und erfahren, was dem Durchschnittsamerikaner wirklich wichtig ist.

Denn das sei es, was ihm in seinem Heimatland fehle, sagt er: Eine Stimme, die fürs Volk spricht und dessen Interessen durchsetzt. „Es wird Zeit, dass das amerikanische Volk wieder gehört wird. Während meiner Tour wurde mir klar, dass Wähler von Demokraten und von Republikanern im Grundsatz das Gleiche wollen“, so der selbsternannte progressive Demokrat. „Es wird Zeit, dass wir die Barrieren im Kopf, die durch die politischen Labels entstanden sind, abbauen.”

Cherny ist Ingenieur und arbeitete als Projektmanager im Bereich Computeranimation. Einst riss er 50 Stunden pro Woche ab, verdiente sehr viel Geld und konnte sich alles leisten, was er sich wünschte. Er lebte den Amerikanischen Traum. Im Jahr 2008 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit mit einem eigenen Patent für ein Windenergiesystem. Was vielversprechend begann, fand jedoch sein jähes Ende in der Wirtschaftskrise. Cherny verlor alles, inklusive seinem Dach über dem Kopf. Aus der Not heraus nahm er einen Job als Lastwagenfahrer an.

Seite 1:

Ein Couchsurfer auf dem Weg nach Washington

Seite 2:

„Ich bin ein ganz normaler Typ, der etwas verändern will“

Kommentare zu " US-Kongresswahlen: Ein Couchsurfer auf dem Weg nach Washington"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Das ist nur in Amerika möglich. Alles ist käuflich....
    da lobe ich mir doch den reinen Demokraten Putin.
    Der zeigt klare Kante.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%