US-Wirtschaft
Verschuldung vieler Amerikaner gefährdet Kreditkartenfirmen

Anno 1757 schrieb Benjamin Franklin: „Es ist besser, ohne Abendessen zu Bett zu gehen, als morgens verschuldet aufzuwachen.“ Einer seiner heutigen Namensvettern, Benjamin Franklin Baggett aus Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah, wuchs auf mit vielen Geschichten über das berühmte Genie. Sein Vater schenkte ihm einst Benjamin-Franklin-Erinnerungsmünzen und kaufte dessen gesammelte Werke.

SALT LAKE CITY. Den guten Rat des Erfinders jedoch befolgt Baggett nie. Er bekam seine erste Kreditkarte in seinen Flitterwochen 1990, und das Kreditlimit von 300 Dollar hatte er umgehend ausgeschöpft. Baggett wollte seiner Frau neue Kleider kaufen, aber sein Job am Empfang eines Doubletree-Hotels zu elf Dollar die Stunde reichte dafür nicht aus.

Es war der Beginn einer Spirale aus immer neuen Wünschen, die zu immer neuen Schulden führten. 1995 zog Baggett, heute 38, in den schicken Stadtteil Harvard-Yale von Salt Lake City, wo sonst vor allem Anwälte und Mediziner leben. Mit Kreditkarten finanzierte Baggett Teppiche und Möbel, um mit den Nachbarn mitzuhalten. Zweimal zahlte er seine Schulden mittels einer Hypothek auf sein Haus ab, und zweimal geriet er wieder in die Schuldenfalle. Als er 2003 erneut 30 000 Dollar Kreditkartenschulden angehäuft hatte, meldete er privaten Konkurs an.

„Wir hatten uns daran gewöhnt, Kredite als Teil unseres verfügbaren Einkommens zu betrachten, obwohl sie das natürlich nicht waren“, sagt er. Heute ist er geschieden, und das Haus hat er verkauft.

Immer mehr US-Bürger verschulden sich, um ein Leben zu finanzieren, das sie sich eigentlich nicht leisten können. Sie erliegen der Versuchung eines mondänen Vorstadtlebens, wie es ihnen in TV-Serien wie „Desperate Housewives“ und in Werbespots vorgelebt wird. Für Finanzdienstleister – allen voran die Kreditkartenanbieter – sind Konsumkredite ein Boomgeschäft. Vergangene Woche übernahm die Bank of America die Kreditkartenfirma MBNA für 35 Milliarden Dollar. Aber weil die Verschuldung vielen US-Haushalten über den Kopf wächst, gerät das Geschäftsmodell in Gefahr.

Utah ist ein gutes Beispiel. 2004 mussten 28 von 1 000 Haushalten des Bundesstaates Konkurs anmelden – dreimal mehr als vor zehn Jahren. Das hat die Beratungsfirma Economy.com ermittelt. Im Durchschnitt zahlen Familien hier nach Angaben des Forschungsinstituts Utah Foundation 45,3 Prozent ihres Monatseinkommens für Zinsen und Tilgungen auf Konsumkredite. Nur in drei US-Bundesstaaten ist der Anteil noch höher.

Landesweit steht jeder Haushalt mit mindestens einer Kreditkarte bei den Kreditkartenfirmen mit 9 205 Dollar in der Kreide. Nach der Übernahme von MBNA sitzt die Bank of America auf Kreditkartenforderungen von 143 Milliarden Dollar. Insgesamt schieben US-Haushalte Schulden von zehn Billionen Dollar vor sich her, doppelt so viel wie 1992. Leisten können sie sich das nur, weil die Zinsen seit Jahren niedrig sind. Das mittlere Haushaltseinkommen ist seit 1990 nur um elf Prozent gestiegen, die Konsumausgaben um 30 Prozent.

Die Ökonomen Fabrizio Perri von der New York University und Dirk Krüger von der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt führen die steigende Kreditaufnahme auf die wachsende Einkommensschere zwischen reichen und armen Amerikanern zurück. Obwohl diese seit 1970 immer stärker auseinander klafft, blieb der Reich-Arm-Unterschied beim privaten Verbrauch deutlich kleiner.

Im Mormonenstaat führt die drastische Überschuldung dazu, dass der hemmungslose Konsum auf Pump als unmoralisch gegeißelt wird. Thomas Monson, die Nummer zwei der Mormonen-Kirche, sagte im April, er sei „angewidert“ von der Werbung vieler Baufinanzierer und Kreditkartenfirmen. Diese sei „nur gemacht, um uns in Versuchung zu bringen, mehr Geld zu leihen, um mehr haben zu können“. Monson zitierte einen Mormonen aus den Jahren der Großen Depression: „Zinsen schlafen nie, sie werden nie krank und sterben nicht. Sie sind dein ewiger Begleiter bei Tag und bei Nacht.“

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