Varoufakis, Griechenland und der Euro
Ist dieser Mann wirklich cool?

Ohne Krawatte, dafür in Lederjacke: So schlägt Finanzminister Yanis Varoufakis bei politischen Terminen auf. Ewig wird er das nicht machen können. Erfordert ernste Politik am Ende ein ernstes Auftreten? Eine Stilkritik.
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Düsseldorf„Schlag ein, Bruder.“ So in der Art begrüßte Yanis Varoufakis, der coole Newcomer unter den europäischen Finanzpolitikern, den britischen Allstar George Osborne am Montag. Schwarze Lederjacke, robuste Schnürschuhe, entspannter Blick. Nicht ganz so lässig zeigte sich der Grieche beim Treffen am Donnerstag mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Eine Einigung habe es nicht gegeben, so hieß es in der Pressekonferenz seitens Varoufakis – noch nicht mal einmal einem „We agree to disagree“ (zu deutsch: „Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind“), wie es Schäuble wenige Minuten vorher behauptet hatte, konnte er zustimmen. Ein Seitenhieb in Richtung Bundesregierung?

In Berlin gab sich Yanis Varoufakis nicht so entspannt, wie sonst. Denn eigentlich – trotz aller Verantwortung – ist der 53-Jährige, wie es scheint, nicht aus der Ruhe zu bringen. Seine Outfits sind stets lässig-modern, Krawatten trägt er nie. Auch nicht bei wichtigen Terminen. Als wolle er mit seiner Kleiderordnung sagen: 'Seht her, ich bringe Griechenland auf Kurs. Und trotzdem bin ich ein cooler Typ.'

Damit repräsentiert er das griechische Kabinett zwar nicht in Gänze; trotzdem wirkt die neue Regierung der Hellenen verwandelt. Selbst Alexis Tsipras, Chef der Syriza-Partei trägt ungern Krawatten, weshalb der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi ihm erst kürzlich eine geschenkt hat. Er solle diese tragen, wenn Griechenland die Finanzkrise überwunden hat. Der Premier hat sie dankend angenommen, wenn auch etwas irritiert.

Als FDP-Verschnitt alias Philipp Rösler ist Alexis Tipras lange nicht so lässig wie sein Finanzminister. Egal, wo er hingeht: Er trägt Anzug. Egal, was er sagt: Er wirkt beherrscht, streng und ehrgeizig. Trotzdem: Für die Griechen ist er jetzt schon ein Held, doch das muss nicht so bleiben. Denn das Aushängeschild für außenpolitische Angelegenheiten ist Varoufakis – Charmebolzen sticht Spießer, wenigstens optisch.

Also schwingt sich der Minister, der bereits als George Clooney Athens gilt – finden jedenfalls die Medien – auf sein Motorrad und besucht die europäischen Finanzchefs. London, Rom, Paris, Berlin. Er ist eine Schlüsselfigur der Euro-Krise. Doch: Wer ist Varoufakis eigentlich?

Von seinem Privatleben weiß man nicht viel. Außer, dass er eine Tochter aus erster Ehe hat, die in Australien lebt. Er selbst hat zwei Heimatländer im Pass stehen: Australien und Griechenland. Dort lebt er seit einigen Jahren, war Chefökonom von großen Firmen – zuletzt bei Valve Corporation, einem Software-Entwickler für Spiele. Er hat mehrere Bücher über die Spieltheorie geschrieben sowie von 1988 bis 2014 an Universitäten weltweit gelehrt. Er spricht perfekt Englisch. Varoufakis ist nicht unbekannt und doch ein Newcomer. Ein cooler Newcomer.

Michael Klemm, Experte für Auftreten und Wirkung von Politikern, sieht in dem Style einen klaren Bruch mit der bisherigen Politik in Griechenland – symbolisch wie optisch. Er nennt die Attitüde von Varoufakis „ein Verdeutlichen der Ablehnung einer Anzug-Krawatte-Politik, auch anti-elitär, wie es einer Links-Partei ja gut steht, hemdsärmelig, zupackend, fast proletarisch.“

Motorrad und Lederjacke würden Klemm eher an Marlon Brando, einen US-amerikanischen Schauspieler des frühen 20. Jahrhunderts erinnern. Mehr als an einen Bittsteller eines Schuldenstaates zumindest. „Spannend wird zu beobachten, wann die beiden doch zu Anzug und Krawatte greifen. Auf Dauer wird das Anti-Elitäre auch schal.“ Noch scheine es zu funktionieren, „ein Großteil der europäischen Politiker lehnt den Kurswechsel nicht rundweg ab.“

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Varoufakis ist, was Griechenland werden will

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  • Cool wäre er wenn er den Reichen in Griechenland welche ihr Geld ins Ausland gebracht haben um den Steuern zu entgehen jetzt die Kohle abnehmen würde aber davon hört man garnichts.

  • Was sich in Griechenland abspielt ist nicht in Ordnung. Aber was sich hier abspielt, ebenfalls nicht.

  • Nein, ist er nicht. Wer besser als seine Gegner ist, muss nicht cool sein. Er tritt lediglich als einer auf, der so denken kann wie sie. Aber vorsichtig, er hat es hier mit ganz ausgepufften Kriminellen zu tun, die mit Mrd. € oder USD jouglieren gelernt haben. Er hätte sich vorher besser informieren und erkennen müssen, dass Deutschland als eines der letzten die Abgeordnetenkorruption als Straftatbestand einführte. Selbst das ist kein Kriterium dafür, weil auch die Staatsanwaltschaft von ihnen gelenkt wird und stattdessen auf Kinderpornographie werbewirksam eingesetzt wird. Neben Edathy bekommt jetzt Hartmann sein Fett weg, um von eigenen Fehlern abzulenken. Das macht sich bei unkritischen Wählern, die die "alternativlosen" Parteien gewählt haben, besonders gut. "Parteien" wohlgemerkt, nicht Abgeordneten! Die Abgeordneten brauchen die Parteien nur für deren "alternativlose" Stimmabgabe. So haben sich unsere Väter, die das Grundgesetz schufen, die Demokratie in Deutschland nicht vorgestellt!

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