Venezuela
Der Machtkampf von Caracas

Die Situation ist bizarr: Höchste Inflation der Welt, aber kein Papier für neue Scheine. Wasser teurer als Benzin, ein Präsident der Salsa tanzt und Waffen an seine Milizen verteilt. Venezuela hat den Sozialismus satt.
  • 0

CaracasCarlos Moreno hatte gerade erst mit dem Studium der Wirtschaftswissenschaften begonnen. Nun ist er tot, gestorben bei der „Mutter aller Demonstrationen“ durch einen Kopfschuss in seinem Kampf für ein besseres Venezuela. Er wurde noch per Motorrad zum Hospital de Clínicas in Caracas gebracht, aber Ärzte konnten den 17-Jährigen nicht mehr retten. Als Täter werden radikale Milizen der Sozialisten vermutet, die vermummt auf Motorrädern Demonstranten angreifen.
Mehrere Millionen Menschen säumten am Mittwoch die Straßen des Landes mit den größten Ölreserven der Welt, ein Meer aus gelb-blau-roten Fahnen. Und das soll jetzt so weitergehen. Der Schlachtruf: „No mas dictadura“, „keine Diktatur mehr“. Und: „Sí, se puede“, „Ja, wir schaffen das.“ Neben Moreno starb noch eine junge Frau, es gab über 400 Festnahmen, Caracas lag unter Tränengaswolken. Der sozialistische Präsident Nicolás Maduro sieht die Opposition als Handlager der USA, die eine Intervention planten. Und lässt nun rund 500 000 Milizionäre mit Gewehren ausrüsten.

Das Land hat sich zu einem der bizarrsten und gefährlichsten der Welt entwickelt. Reich an Öl und Wasser, aber an Tankstellen geht das Benzin aus. Trinkwasser ist Mangelware. Und Maduro, der sich auf den liberalen Befreier Südamerikas, Simón Bolívar, beruft, zieht die Schrauben an, wittert Putsch- und Interventionsgefahr: „Die USA haben grünes Licht dafür gegeben“, meint er. Namentlich Parlamentspräsident Julio Borges wirft er vor, mit dem Ausland gemeinsame Sache zu machen. Noch ein Feindbild: Der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Luis Almagro, der zu Maduros schärfsten Kritikern gehört. Zu Ostern brannten „Judas-Figuren“ mit Almagros Bild.
Ein Besuch in Caracas, der Frontstadt eines ums Überleben kämpfenden „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, gibt Einblicke in einen Alltag, den viele nicht mehr ertragen - Zehntausende sind schon geflüchtet.

Da sind zum Beispiel die Mafiastrukturen und die Unsicherheit. Wenn der Flughafen die Visitenkarte eines Landes ist, sagt der Airport Simón Bolívar viel über Venezuela anno 2017 aus – es gibt kaum noch Flüge hierhin. Die bestellte Fahrerin ist hochnervös, zwei Polizisten hätten sich gerade Zeichen gegeben, das Auto zu überfallen. Es geht über mehrere Kilometer einen Berg hinauf, immer wieder würden Autos mit Waffengewalt angehalten und Fahrgäste ausgeraubt, erzählt sie und gibt mächtig Gas. Heile angekommen in Caracas, bekreuzigt sie sich.

Kommentare zu " Venezuela: Der Machtkampf von Caracas"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%