Verfassungsreferendum gestartet
„Die Türkei wird zur Diktatur? Völliger Quatsch“

Erdogan-Anhänger verteidigen die Verfassungsreform – seine Gegner beklagen die Propaganda aus Ankara und fürchten um die Zukunft der Türkei. In Deutschland haben 1,4 Millionen Türken nun die Wahl. Ein Stimmungsbericht.
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DüsseldorfBeim türkischen Referendum gilt deutsche Sorgfalt: Vor dem türkischen Generalkonsulat in Düsseldorf lotst ein Parkplatzwächter die vielen Autos in die wenigen freien Parklücken. Absperrbänder sollen am Zaun des Konsulatsgeländes für Ordnung sorgen. Zwei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes kontrollieren am Eingang Taschen und Ausweise. Sogar einen Toilettenwagen haben die Organisatoren hier aufgebaut. In dem beigen Backsteinbau rund 3000 Kilometer von Ankara entfernt, geht es um die Zukunft der Türkei. Seit Montag dürfen deutschlandweit rund 1,4 Millionen Deutschtürken ihre Stimme für das Referendum abgeben.

Es sind Menschen wie Gökhan Ösme. „Wir brauchen jede Stimme“, sagt der 54-Jährige und hilft seiner Mutter beim Aussteigen aus dem Minibus. Weil die Bahnfahrt nach Düsseldorf für die Frauen aus seiner Nachbarschaft zu anstrengend gewesen wäre, hat er sich extra ein großes Auto geliehen. Der Parkplatz vor dem Konsulat ist so voll wie schon lange nicht mehr. Ösme, seine Mutter und die sieben weiteren Senioren kommen extra aus Wuppertal. Sie wollen dafür sorgen, dass es in der Türkei bald eine neue Verfassung gibt. „Erdogan ist gut für die Türkei, wenn er stark ist, ist das ganze Land stark“, sagt Ösme. Ösme weiß, dass jede Stimme zählt: Die Abstimmung könnte die Türkei maßgeblich verändern.

Deutschlandweit haben hier wohnhafte Türken in neun Generalkonsulaten und vier weiteren Wahllokalen die Möglichkeit, ihr Kreuz zu machen. Dabei könnten die Stimmen der Deutschtürken letztlich entscheidend für den Ausgang der Wahl sein. Umfragen zufolge sind die Lager der Befürworter und Gegner der Reform in der Türkei etwa gleich groß. Bei den Türken in Deutschland hingegen ist die Regierungspartei AKP um Regierungschef Recep Tayyip Erdogan überdurchschnittlich beliebt. Und er ist es schließlich, der die Reform durchbringen will, sie würde ihm deutlich mehr Macht bescheren. Vor zwei Jahren kam die AKP bei der Parlamentswahl in Deutschland auf knapp 60 Prozent – rund zehn Prozentpunkte mehr als in der Türkei.

Zu verdanken hat Präsident Erdogan das Menschen wie Gökhan Ösme. „Erdogan hat so viel für unser Land gemacht“, sagt er. „Unsere Krankenhäuser zum Beispiel, die waren früher eine Katastrophe, heute sind sie teilweise besser als in Deutschland.“ In seinen Augen ist das Referendum eine große Chance für die Türkei.

Ähnlich guter Dinger ist sein Landsmann Ozan Ceylan. Er trägt ein rot-weißes T-Shirt mit türkischem Halbmond auf der Brust. Das habe er schon Mitte Februar angehabt, als er bei der Kundgebung von Ministerpräsident Binali Yildirim in Oberhausen war. „Ich bin stolz auf die Türkei und ich bin stolz auf Erdogan, ich stimme für 'Ja'“, sagt er. Der 56-Jährige kommt aus Mönchengladbach, für die Abstimmung in Düsseldorf hat er sich extra Urlaub genommen. Viele Deutsche hätten ein völlig falsches Bild von der Türkei und von den Folgen des Referendums:. „In Deutschland lese ich immer, dass die Türkei zu einer Diktatur wird, das ist völliger Quatsch.“ Zwar sei es richtig, dass Erdogan durch die Verfassungsreform mehr Macht bekäme, doch sei das auch nötig, wenn sich in der Türkei schnell etwas ändern soll.

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„Wir jungen Türken müssen für die Türkei kämpfen“

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  • ... so etwas WIE eine unumstößliche Gewissheit. Herrje.

  • @Herr Alex Lehmann, 28.03.2017, 18:24 Uhr

    „Menschenrechte sind nur vollständig einführbar, …“

    Menschenrechte sind nicht „einführbar“, sondern waren schon immer eine für sich stehende Gegebenheit, so etwas eine unumstößliche Gewissheit.

    Es handelt sich bei den Menschenrechten also im Grunde um etwas für jeden vernunftbegabten Menschen Selbstverständliches (auch wenn ständig gegen sie verstoßen wurde und leider unverändert immer noch wird).

    Und ihre Einhaltung ist Conditio sine qua non (unabdingbare Voraussetzung) für nachhaltige Entwicklung und Frieden.

  • Das UN-Recht wurde erst nach WW2 eingeführt, um die Kriegsverbrechen gegen das Völkerrecht (chemische Waffen gegen Japan, Deutschland) zurechtfertigen! Laut Völkerrecht kann ein Volk sogar Angriffskriege führen, sobald es durch Aktionen, wie z.b. provozierte Hungersnöte bedroht ist, allerdings nicht um wirtschaftliche Vorteile zu erzielen, WW1 sozusagen...

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