Vermittlung in Georgien
Wie „Speedy Sarko“ Friedensengel spielt

Wenn die Waffenruhe in Georgien hält, kann sich EU-Ratspräsident Nicolas Sarkozy rühmen, einen drohenden Flächenbrand am Kaukasus ausgetreten zu haben. In Moskau präsentierte sich Frankreichs Staatschef dabei ganz ungewohnt.

BRÜSSEL. Auf den ersten Blick sah es nach einem typischen Alleingang von Nicolas Sarkozy aus: Ohne Vorankündigung, scheinbar spontan war der französische Staatschef – Spitzname „Speedy Sarko“ – nach Moskau und Tiflis gereist, um in der Krise zwischen Russland und Georgien zu vermitteln. Im Morgengrauen war er von seinem Urlaubsdomizil am Cap Nègre (Côte d'Azur) aufgebrochen, hatte Frau Carla Bruni und Kinder allein gelassen. Mittags verhandelte er schon mit Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew und Regierungschef Wladimir Putin im Kreml, abends flog er nach Georgien weiter.

Einen Durchbruch hatte bei dem Blitzbesuch niemand erwartet. Polen und Balten hatten Sarkozy von der Reise abgeraten, die Amerikaner waren sprachlos, die Deutschen skeptisch. Selbst Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner, der als erster Krisenmanager nach Tiflis gereist war, schien zunächst nicht ganz überzeugt von der Mission seines quirligen Chefs. Ganz allein, nur mit der Autorität des EU-Ratspräsidenten ausgestattet, würde Sarkozy sich am Hardliner Putin und am Heißsporn Saakaschwili die Zähne ausbeißen, glaubten viele Experten.

Doch gestern, nach dem erfolgreichen Ende der Reise, waren alle voll des Lobes. Zwar sei man noch weit von einem dauerhaften Frieden entfernt, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bei einem Nach-Krisen-Treffen der EU in Brüssel. Doch schon der nun erreichte Waffenstillstand sei weitaus mehr als erwartet. „Ich weiß, wie schwierig und risikoreich das ist“, bekannte der SPD-Politiker. Schließlich habe er bei seinem letzten Vermittlungsversuch in Georgien selbst erfahren, wie „kompromissunwillig, ja unversöhnlich“ sich die Kontrahenten gegenüberstehen.

Steinmeier war mit leeren Händen zurück nach Berlin gekommen – dabei herrschte damals noch nicht einmal Krieg. Demgegenüber können sich Kouchner und Sarkozy nun rühmen, einen drohenden Flächenbrand am Kaukasus ausgetreten zu haben. Gewiss, noch ist der Waffenstillstand äußerst wacklig. Noch werfen sich Russen und Georgier gegenseitig „Aggression“ und „Völkermord“ vor, noch wollen beide Seiten nachkarten. Doch wenn die Waffenruhe hält und die Stabilisierung gelingt, wird sich Sarkozy als Friedensengel präsentieren können.

Für den 52-jährigen Franzosen ist dies eine ungewohnte Rolle. Schließlich war er bisher vor allem für seine offene, oft undiplomatische Sprache und seine überraschenden, meist kontroversen Initiativen bekannt. In Brüssel hatte er mit Angriffen auf die Europäische Zentralbank, mit seinem Vormarsch bei der Mittelmeerunion und zuletzt mit lockeren Sprüchen über die EU-müden Iren für Ärger gesorgt. Und in Washington, London und Berlin sorgte er mit abfälligen Bemerkungen über führende Politiker für Stirnrunzeln.

„Es gibt nicht viele, die derzeit die Bühne beherrschen“, zitierte die französische Wochenzeitung „Le Point“ aus privaten, nicht autorisierten Gesprächen des Präsidenten. „Bushs Zeit ist abgelaufen, Blair ist nicht mehr da. Merkel, nein, das ist es auch nicht. Eigentlich gibt es nur mich.“ Wann und wo diese Worte gefallen sein sollen, wird leider nicht berichtet. Doch heute, so viel scheint zumindest klar, würde Sarkozy so etwas nicht mehr sagen. Seit dem Beginn des französischen EU-Vorsitzes Anfang Juli hat er Kreide gefressen.

In Moskau präsentierte sich jetzt ein neuer, ein diplomatischer Nicolas Sarkozy. Statt auf „Aktion“ und „Mut“ – seine Lieblingsvokabeln – setzte der Präsident auf „Reflexion“ und „klaren Verstand“, berichten französische Journalisten, die im Kreml dabei waren. Und statt wie bisher im Alleingang ging Sarkozy diesmal im Konsens vor. Seine Vorschläge seien mit Merkel abgestimmt gewesen, heißt es im Pariser Elysée-Palast.

Details will der Präsident allerdings nicht verraten. Denn nach dem Kurztrip in den Kaukasus ist er gestern schon wieder zu Carla an die Côte zurückgekehrt. Und im Urlaub möchte er, s'il vous plait, nicht gestört werden.

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