Vitali Tretjakow im Interview
„Geeintes Russland“ wird Stimmen einbüßen

Am Sonntag wählt Russland ein neues Parlament. Kurz vor der Dumawahl spricht der konservative Politologe Vitali Tretjakow über die Stimmung in Russland, Chancen der Parteien und die Möglichkeit neuer Proteste.

MoskauWelche Parteien ziehen in die neue Duma ein?
Wahrscheinlich ziehen die vier Parteien ein, die schon drin sind: „Geeintes Russland“, die Kommunistische Partei Russlands (KPRF), die „Liberaldemokratische Partei“ (LDPR) und „Gerechtes Russland“ (GR). Bei letzterer ist nicht ganz sicher, ob sie es schafft. Alle anderen Parteien haben keine Chance, die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden.

Wie sieht Ihre Prognose aus?
„Geeintes Russland“ wird bei der Wahl Stimmen einbüßen. Bei den Parteilisten wird sie meiner Einschätzung nach maximal 35 Prozent bekommen. Die Kommunisten werden etwa 30 Prozent der Stimmen erhalten, die LDPR 20 bis 25 Prozent, GR etwa fünf Prozent. Die übrigen Kleinparteien kommen insgesamt auf fünf bis sieben Prozent.

Bei den Kommunisten ist das Programm klar. Gibt es denn bei den übrigen drei Parteien irgendwelche klare Programme oder auch Unterschiede?
In Russland gibt es nur eine Partei, die wirklich den klassischen Eigenschaften einer Partei entspricht; das ist die KPRF. Wenn morgen Parteiführer Gennadi Sjuganow stirbt, bleibt die Partei bestehen. Bei der KPRF ist die Ideologie bekannt. Hingegen haben weder LDPR noch GR oder „Geeintes Russland“ klare Vorstellungen und Programme – abgesehen von allgemeinen patriotischen Losungen.

Es gibt natürlich allgemeine Losungen, aber die sind banal. Wenn morgen Wladimir Schirinowski stirbt, dann wird seine LDPR sich entweder auflösen oder zersplittern. Das Gleiche trifft auf die Partei GR zu. „Geeintes Russland“ ist ohnehin eher ein bürokratisches Gebilde und keine Partei im eigentlichen Sinne. Wenn sich Wladimir Putin morgen von ihr abwendet, dann verschwindet diese Partei. Ich bin allerdings der Meinung, dass die Zeit der Parteien ohnehin vorbei ist.

Welche Probleme und Fragen interessieren denn die Wähler jetzt?
Die Bevölkerung ist stark an der Außenpolitik interessiert. Russland ist eine Großmacht – egal ob sie gerade schwach ist wie in den 90er Jahren oder stark. Darum stoßen alle außenpolitischen Themen auf großes Interesse – bei Medien und Politikern als auch bei den einfachen Menschen auf der Straße. So ist der Syrien-Konflikt ein Gesprächsthema; noch mehr interessiert aber alles, was die postsowjetische Region betrifft, also zum Beispiel die Ukraine, Krim, oder das Baltikum.

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