Wahlkampf in der Camargue
Torera gegen Macho

Der strukturschwache Süden ist eigentlich seit Jahren ein großes Wählerreservoir der Rechtsextremen. Eine Kandidatin von Macrons „En Marche“ könnte dem Front National jetzt aber eine empfindliche Niederlage bereiten.
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CamargueSamstagmorgen in Gallician, einem 1000-Seelen-Dorf in der Camargue südlich von Nimes. Die Straßen sind verlassen, die Schule „Vincent van Gogh“ mit gekachelten Stieren an der Fassade ist geschlossen. In einer Woche findet der erste Wahlgang zur Nationalversammlung statt. Hier im äußersten Süden Frankreichs, im zweiten Wahlkreis des Département Gard, tobt eine der härtesten Schlachten, zwischen dem rechtsextremen Front National  und Emmanuel Macrons Bewegung „La République en Marche“. Die Quereinsteigerin Marie Sara könnte dem FN-Politiker Gilbert Collard den Wahlkreis abnehmen.

In der warmen Vormittagssonne ist von der Auseinandersetzung nicht viel zu spüren. Es ist die Zeit der Ferias, der Stierkämpfe. In Nimes und Umgebung hält man die Tradition hoch. Da wird bis weit in die Nacht gefeiert, viele schlafen am Samstag aus: Der nächste Stierkampf steht erst am Nachmittag auf dem Programm. Vor dem Gemeindesaal haben sich ein paar Dutzend Menschen versammelt. Im Schatten warten sie auf Gilbert Collard: Lokalmatador und seit fünf Jahren einer von zwei FN-Abgeordneten in der Nationalversammlung.

In Gallician stimmten bei der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl Anfang Mai 70 Prozent für die FN-Chefin Marine Le Pen. Der strukturschwache Süden ist seit Jahren eines der großen Wählerreservoirs der Rechtsextremen. Den Süden des Département Gard kennt man wegen seiner Reisfelder, der weißen Camargue-Pferde und der pechschwarzen Stiere. Doch die soziale Lage ist weniger idyllisch: Die Arbeitslosigkeit liegt mit 17 Prozent weit über dem nationalen Durchschnitt. Gleichzeitig haben viele Franzosen Angst vor den Muslimen. Lunel, 30 km von Nimes entfernt, ist die Hochburg der französischen Dschihadisten. Aus keinem anderen Ort sind mehr junge Männer in den Krieg nach Syrien gezogen.

Aus all diesen Gründen hatte der 69-jährige Collard seine Wiederwahl quasi schon in der Tasche – bis Marie Sara kam. Staatspräsident Emmanuel Macron persönlich rief die 52-jährige frühere Stierkämpferin an und fragte sie, ob sie gegen Collard antreten würde, für seine Bewegung „La République en Marche“ (LREM). „Ich habe zugesagt, weil ich etwas für die Menschen hier tun will, und damit Collard nicht erneut gewählt wird“, sagt die Frau, die aus  der Gegend von Paris stammt, aber seit fast 40 Jahren im Süden lebt.

Sara ist Collards Fluch. Sie ist sehr populär, verkörpert die Traditionen des Südens. Sie züchtet Stiere, leitet die Arenen von Saintes-Maries-de-la-Mer und Aigues Mortes. Die Seiteneinsteigerin, die vorher nie politisch aktiv war, kann die Karriere des Abgeordneten beenden - und damit zugleich beweisen, dass man den FN sogar in seinen Hochburgen zurückschlagen kann.

Aber Collard zu besiegen ist kein Kinderspiel. Anders als manch einfach gestrickte Rechtsextreme ist der Anwalt kultiviert und schlagfertig. Seine flinke Zunge ist gefürchtet. Selber nicht FN-Mitglied, leitet er das „Rassemblement bleu marine“, eine Vorfeldorganisation für Marine Le Pen. Der in Marseille Geborene und auf dem elterlichen Schloss Aufgewachsene hat politisch schon hinter manchem Busch gesessen: Er war bei den Trotzkisten, den Sozialisten, hat bei einer Partei der linken Mitte mitgemacht und sich auch schon mal zu den Konservativen bekannt. Seine große Bühne fand er dann erst vor wenigen Jahren beim FN, den er ständig bei Fernsehdebatten vertritt.

Am Samstag lässt er auf sich warten. Gelegenheit, mit ein paar von seinen Anhängern zu sprechen. Jean-Pierre ist pensionierter Mercedes-Vertreter für Südeuropa. „Ich war für Unimogs und landwirtschaftliche Spezialfahrzeuge verantwortlich, habe auch ein paar Jahre in Spanien gelebt.“ Er bewundert Deutschland, wegen der Disziplin und weil es keine Distanz zwischen Managern und Arbeitern gebe, das sei anders als in Frankreich. Von der Schließung der Grenzen und dem Austritt aus dem Euro, die der Front National fordert,  hält er überhaupt nichts, das würde Frankeich nur schaden.

Der Front National stelle aber keine Gefahr dar, er selber sei allerdings hauptsächlich aus persönlicher Freundschaft zu Collard hier. „Marie Sara ist eine tolle Frau, aber politisch hat sie überhaupt keine Erfahrung, da hat Macron einen schweren Fehler gemacht.“ So ganz entscheiden kann sich Jean-Pierre nicht: Er wünscht keine absolute Mehrheit in der Nationalversammlung für Macron, „aber ich will auch nicht, dass ihn das Parlament blockiert, eine Blockade ist das Letzte, was wir brauchen.“ 

Frédérique, Ende 50, weiße Hose und flache Cowboystiefel, ist weniger gelassen. „Sara, die hat schon vier Männer verschlissen.“ giftet sie. Gegen Collard habe sie keine Chance. Macron hält sie für einen eingebildeten Burschen: „Lässt eine Rede an die Amerikaner auf Englisch ausstrahlen, wofür hält der sich denn?“ Ist sie nicht ein wenig stolz auf einen Präsidenten, der so polyglott ist? „Überhaupt nicht, er ist der französische Staatspräsident, da soll er gefälligst Französisch reden.“ Dann steckt sie zurück: „Eigentlich darf ich ja gar nicht hier sein, ich bin Collards Wahlkreis-Mitarbeiterin, da darf ich mich nicht am Wahlkampf beteiligen.“ Wir sagen es nicht weiter.

Mit einiger Verspätung kreuzt Collard vor der Halle in Gallician auf, das blaue Batikhemd locker über der Hose hängend. Triumphierend schwenkt er einen großen, bunten Blechhahn. „Leute seht Euch das an, den musste ich einfach kaufen, ich taufe ihn auf den Namen Gallician!“ Collard gibt gerne den volkstümlichen Spaßvogel. Dabei schießt er manchmal übers Ziel hinaus, vor allem seit Sara ihm im Nacken sitzt. Sie sei „feige und hat keine cojones“, hat er ihr vorgeworfen. Die Attackierte blieb gelassen: „Im Klartext sagt er, ich habe keine Eier. Stimmt, die wären mir beim Reiten auch eher hinderlich. Aber was den Mut angeht würde ich gerne mal sehen, wie er sich einem Stier gegenüber hält.“ Im Süden mag man es handfest.

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