Was nützt die Liebe in der Politik? – Japan
Der Gang zur Mätresse

Japan gilt als konservativ. Doch seit Alters her unterhalten Männer mit Macht und Geld neben ihrer Ehefrau eine Geliebte. In der Regel sind Affären kein Karrierekiller – tragische Ausnahmen bestätigen die Regel.
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TokioFrankreichs Präsident Francois Hollande ist bei weitem nicht der erste oder einzige Staatsmann, der sich eine Liebelei leistet. Es ist auch nicht die erste Affäre, die in der Öffentlichkeit breitgetreten wird. Und doch gehen die Nationen ganz unterschiedlich mit dem Verhalten ihrer Premiers und Präsidenten und deren Seitensprüngen und Freundinnen um. In einer täglichen, kleinen Serie erzählen unsere Korrespondenten aus China, Italien, Japan, Amerika, Südafrika, Japan und Deutschland von den Liebes-Gepflogenheiten der Politiker in ihrem Land.

Japan hat zwar eine Tradition des ehrenhaften Freitods. Aber selbst für konservative Japaner war die Reaktion des Bankenministers Tadahiro Matsushita im Jahr 2012 extrem. Zwei Tage, bevor ein Boulevardmagazin über eine langjährige außereheliche Beziehung des damals 73-Jährigen zu einer Hostess berichten wollte, erhängte er sich in der eigenen Wohnung. Die Medien hatten daraufhin schnell einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen geknüpft.

Was der eigentliche Grund für seine tragische Entscheidung gewesen ist, sei dahingestellt. Aber sein Fall ist so klassisch japanisch, dass ein Freitod überflüssig erscheint. Männer mit Macht und Geld unterhielten seit Alters her neben ihrer Ehefrau eine Mätresse. Denn Ehen waren besonders in den älteren Generationen oft arrangiert. Und auch Matsushita war in diesem Sinn ein Mann aus altem Schrot und Korn.

Nach der Erzählung der zum Zeitpunkt der Tragödie 70 Jahre alten Geliebten hatten sie sich 21 Jahre zuvor in einem Club kennengelernt. Danach trafen sie sich gelegentlich für nicht mehr als Schäferstündchen, die er mit einer Kosmetikzulage von 50.000 bis 300.000 Yen vergalt.

Doch als er einmal beruflich in die Nähe kam, ohne sich bei ihr zu melden, zweifelte sie an der Aufrichtigkeit seiner Gefühle und stellte ihn zu Rede. Die Lage eskalierte, sie fühlte sich verletzt und nahm einen Anwalt. Er wollte die Angelegenheit mit Geld aus der Welt schaffen, sie wandte sich an die Presse. Saftig, mit Herz und Schmerz, das mag der Boulevard. Auch in Japan.

Gewöhnlich laufen Affären allerdings weitaus glimpflicher ab. Ein Seitensprung ist schon lange kein Rücktrittsgrund mehr. Schließlich ist eine Scheidung auch in Japan ein inzwischen gut ausgetretener Pfad aus Ehekrisen. Zudem die Japaner sind schon eine Menge gewohnt.

Der eine Gründer der demokratischen Partei und spätere Ministerpräsident Yukio Hatoyama hatte einem Gönner die Frau ausgespannt, sein Parteimitgründer und Nachfolger als Regierungschef Naoto Kan sich in fremden Futons getummelt. Doch zeitlich gut lanciert kommt so ein Skandal im politischen Machtkampf mitunter ganz gelegen, um vor Wahlen einen Gegner zu schädigen.

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