Waterloos neue Feldherren
Das goldene Schlitzohr

Wenn Christdemokraten im großen Plenarsaal des Brüsseler Europaparlaments das Wort ergreifen, sorgt der Grüne Daniel Cohn-Bendit oft für schrille Begleitmusik. Er ruft erregt dazwischen und verkneift das Gesicht, als habe er gerade auf eine Zitrone gebissen. Oder er rauft sich die Haare, bis der rotblonde Schopf wie ein wirres Gestrüpp aussieht. Hans-Gert Pöttering, der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion, hat seine liebe Not mit dem grünen Quälgeist aus der ersten Reihe.

HB BRÜSSEL.Diese Woche jedoch zeigt Cohn-Bendit beim Auftritt eines Christdemokraten ganz andere Reaktionen. Er lauscht andächtig, während der Kopf durch auffälliges Nicken immer wieder Zustimmung signalisiert. Nach der zwanzigminütigen Rede springt der rote Dany auf und klatscht begeistert Beifall. Am liebsten möchte der grüne Fraktionschef auf den kleinen Mann am Mikrofon zulaufen, um ihn ans Herz zu drücken. Jean-Claude Juncker, keine Frage, genießt im Europaparlament viele Sympathien. Und das über die Parteigrenzen hinweg.

Doch anders als früher kostet Juncker diese Gesten des Respekts nicht mehr in vollen Zügen aus. Mit müdem Lächeln lässt der scheidende EU-Ratspräsident die Ovationen über sich ergehen. Sein Gesicht sieht grau aus und ist von vielen Falten durchzogen. Diese EU-Präsidentschaft, es ist seine dritte, habe ihn um Jahre altern lassen, heißt es in seiner Umgebung. Der einstige Sonnyboy im Club der EU-Regenten ist verbittert.

Vor allem über Tony Blair, der am vergangenen Freitag die Brüsseler Finanzverhandlungen platzen ließ. Ihn vor allem macht er verantwortlich für die Krise. Am liebsten würde Juncker Blair und seine Briten aus der Europäischen Union rauswerfen. Aber das geht natürlich nicht. So soll der Mann aus der Downing Street wenigstens seinen beißenden Spott zu spüren bekommen. „Mit einem Vergnügen, dessen Ausmaß Sie gar nicht ermessen können, übergebe ich die Aufgabe, einen Finanzplan für die EU zu erstellen, an Tony Blair“, sagt Juncker zu seinem Abschied am Mittwoch mit gespielter Fröhlichkeit. Beobachter, die mit dem Luxemburger schon gute und schlechte Jahre erlebt haben, sagen, so weidwund hätten sie ihn noch nie gesehen.

Kein Wunder: Der Milliarden-Deal zum EU-Haushalt sollte der krönende Abschluss einer Präsidentschaft werden, an dessen Ende er, der Sohn eines Stahlarbeiters, mal wieder als genialster Strippenzieher Europas gefeiert worden wäre. Der dienstälteste unter den 25 Staats- und Regierungschefs der Gemeinschaft sammelt diplomatische Verhandlungserfolge wie Golf-Profis Turniersiege. Für seine Kunst, scheinbar unvereinbare Positionen durch beharrliches Taktieren doch noch zusammenzuführen, wurde ihm 2004 das „Goldene Schlitzohr“ verliehen.

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