Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Gras-Fischen
Der Traumsommer aus der Dose

Vor 30 Jahren wurde der Traum vieler Surfer wahr – auf dem offenen Meer vor Brasilien. Dort tauchten tausende Dosen auf, voll mit Marihuana. Die Legende gehört noch immer zur Alltagskultur. Eine Weltgeschichte.
  • 0

SalvadorDer Sommer vor dreißig Jahren ist bei brasilianischen Surfern und Kiffern bis heute legendär. Das liegt am Fischkutter Solana Star, der Ende August 1987 vor der Küste Rios kreuzte. Die Star segelte unter panamaischer Flagge. Sie kam aus Australien, hatte in Singapur Station gemacht und war auf dem Weg nach Miami. Doch statt der 22 Tonnen Ölsardinen hatte sie, wie die amerikanische Drogenbehörde DEA wusste, 22 Tonnen Marihuana als Fracht an Bord, säuberlich eingeschweißt in 1,5 Kilo-Dosen. Als die Mannschaft mitbekam, dass die brasilianische Bundespolizei hinter ihr her war, schmiss sie die Dosen kurzerhand über Bord.

Der Rest ist Legende. Als drei Wochen später Surfer vor Rio die ersten nicht etikettierten Dosen aus dem Meer fischten und öffneten, glaubten sie zu träumen: „Es war stark gepresstes öliges Gras, in einer Qualität, die es in Brasilien nicht gab“, sagt Maria Juçá, schon damals eine der führenden Kulturveranstalterinnen in Rio. An der Küste von Rio bis vor São Paulo und noch weiter in den Süden hinein begann die Jagd auf die Dosen: Bis weit aufs Meer wagten sich die Surfer mit ihren Brettern hinaus und hielten neben Fischern und Freizeitskippern Ausschau nach dem glitzernden Treibgut. Die Bundespolizei kam spät dazu: Von den geschätzt 15.000 Dosen barg sie 2563 Exemplare oder nahm sie den Findern ab. Und das recht brutal.

„Damals befand sich Brasilien in der Übergangszeit zwischen Militärdiktatur und Demokratie“, erzählt der Journalist Wilson Aquino, der ein Buch geschrieben hat über die Episode („Verão da Lata“ also, „Der Sommer der Dose“). „Kiffer war ein Schimpfwort und die gängige Strafe durch die Polizei war: Verprügeln, einlochen und gegen ein Schmiergeld wieder freilassen.“

Heute ist die Polizei in Brasilien zwar entspannter, aber immer noch weit entfernt von der Toleranz gegenüber Marihuana-Rauchern wie in Europa oder inzwischen den USA. Kandidaten für politische Ämter zeigen sich gerne als Hardliner im Kampf gegen die Drogen. Damit lassen sich leicht Stimmen gewinnen. In der Politik fordert prominent nur eine Gruppe von Ex-Präsidenten aus Brasilien, Mexiko und Kolumbien eine Teillegalisierung, wie sie etwa im Nachbarland Uruguay gesetzlich vor drei Jahren eingeführt wurde – aber auch dort nur verzögert in die Praxis umgesetzt wird. So können Drogenmafias in Brasilien weitgehend ungestört ihr lukratives Geschäft ausbauen. Den Kampf gegen die Drogen hat die Polizei schon längst verloren.

Das war auch vor 30 Jahren unter dem Gesetz der Militärdiktatur nicht anders: Die US-Besatzung der Solana Star konnte sogar ihr Schiff im Hafen von Rio ankern und bis auf den Koch außer Landes verschwinden. Die Polizei machte den Kutter erst elf Tage später ausfindig.

In Rio ist der „Sommer der Dose“ Teil der Alltagskultur geworden. Noch heute können reifere Surfer stundenlang über ihre erste Dose schwärmen. Der Journalist Aquino zitiert zahlreiche etablierte Musiker, Regisseure, Journalisten und Schriftsteller Brasiliens mit ihren Dosen-Anekdoten. „Aus der Dose“ ist bis heute umgangssprachlich ein Synonym für etwas besonders Feines – unter 50-Jährigen aufwärts.

Als ich meinen Kindern kürzlich die Geschichte erzählte, dachten sie, ich hätte das alles übertrieben. Doch dann kam der 17-Jährige nach Hause und erzählte belustigt, wie er beim Surfer-Vater eines Freundes mit einem locker dahingeworfen Ausruf „é da lata“ – also: „Gut, wie aus der Dose“ augenzwinkernd höchsten Respekt ernten konnte.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

Kommentare zu " Gras-Fischen: Der Traumsommer aus der Dose"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%