Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte
Grausiger Trend in Londons Unterwelt

Kriminelle in Großbritannien haben ein brutales Verbrechen für sich entdeckt: Säureattacken - vor allem auf Fahrer von Lieferdiensten. Wenn die Opfer außer Gefecht sind, werden sie ausgeraubt. Die Briten sind schockiert.
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LondonKürzlich musste ich ein Päckchen verschicken. Ich ging in einen Paketshop um die Ecke von unserem Londoner Büro und wollte mir die dafür notwendige Ausrüstung besorgen: Einen Karton, eine Rolle Klebestreifen und ein Teppichmesser. „Ein Teppichmesser?“ Der Verkäufer sah mich kopfschüttelnd an. „Das verkaufen wir nicht. Aus Sicherheitsgründen“.

In Großbritannien ist die Zahl der Messerattacken in den letzten Jahren stark gestiegen, besonders in London. Fast täglich berichten die Medien über einen neuen Todesfall in der britischen Hauptstadt. In den zwölf Monaten bis März 2017 (das sind die letzten offiziellen Zahlen des britischen Statistikamtes) ist die Zahl dieser Verbrechen um 20 Prozent gestiegen. 34.703 Vorfälle wurden registriert, so viele wie seit sieben Jahren nicht. Kindern bis zwölf Jahre dürfen deswegen keine Messer verkauft werden, und manche Läden - wie „mein“ Paketshop im Londoner Norden - haben derartige Gegenstände deswegen ganz aus dem Sortiment genommen.

Noch mehr Sorgen macht vielen Londonern aber ein neuer Trend, der sich in der britischen Unterwelt verbreitet: Säureattacken. Seit Jahresanfang verbuchte die Metropolitan Police fast 300 derartige Verbrechen in Großbritanniens Hauptstadt. Ein steiler Anstieg. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 455, und schon das war ein deutliches Plus im Vergleich zum Vorjahr. Die Folgen derartiger Angriffe sind schrecklich, einige Opfer sind für ihr Leben gezeichnet.

Ein besonders aufsehenerregender Fall ereignete sich Mitte Juli. Am späten Abend zogen zwei halbwüchsige Jungen auf einem Moped durch die Stadt und griffen auf ihrer anderthalbstündigen Fahrt fünf Menschen an: Um halb elf sprühten sie einem 32-Jährigen Säure ins Gesicht und stahlen sein Moped, zwanzig Minuten später überfielen sie einen 44-Jährigen. Um kurz nach elf griffen sie einen 52-Jährigen an, und in der darauffolgenden halben Stunde sprühten sie zwei weiteren Männern eine Flüssigkeit ins Gesicht. Die Beute: Geld, Handys und die Mofas der Opfer. Gegen einen Jungen im Alter von 16 Jahren wird ermittelt, der andere Täter soll sogar erst 15 Jahre alt sein.  „Barbarisch“ seien die Angriffe gewesen, sagte die Londoner Polizeichefin Cressida Dick schockiert.

Die Attacken richteten sich in vielen Fällen gegen Fahrer von Lieferdiensten, kürzlich demonstrierten sie deswegen vor dem Parlament. Viele von ihnen sollen sich mittlerweile weigern, in einige Gebiete zu fahren, viele der Übergriffe passierten im Norden und Osten Londons. Berichten zufolge soll auch ein arabischer Tourist Opfer eines Säureangriffs gewesen sein. Doch Touristen müssten sich keine Sorgen machen, beteuert man bei der Stadt. London sei eine der „sichersten Städte der Welt”, erklärte mir eine Sprecherin auf Anfrage, „Säureattacken sind selten“.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan setzt sich für „null Toleranz“ gegen diese Verbrechen ein, und zahlreiche Abgeordnete fordern angesichts der Ereignisse härtere Gesetze. Innenministerin Amber Rudd will Säure als „gefährliche Waffe“ einstufen lassen und plant Kontrollen beim Verkauf von aggressiven Chemikalien. Bislang stehen die für den Angriff notwendigen Zutaten schließlich unter vielen Waschbecken und sind im Laden problemlos zu kaufen. Dazu kommt: Wer mit Säure in einer eindeutigen Situation aufgegriffen wird, hat häufig - anders als bei einem Messer in der Tasche - nichts zu befürchten. Bislang wird die Attacke mit Säure meist als schwere Körperverletzung eingestuft - ist ein Messer im Spiel, ist es für die britische Justiz oft ein Fall von versuchtem Mord.

Die britischen Krankenhäuser geben derweil Hinweise, wie man sich im Notfall verhalten sollte: Als erstes die Notfallnummer 999 wählen, dann vorsichtig die kontaminierte Kleidung vom Opfer nehmen und die betroffene Haut unter reichlich kaltem Wasser abspülen. Aber das sind Tipps, die man hoffentlich nie umsetzen muss.

Korrespondentin des Handelsblatts.
Kerstin Leitel
Handelsblatt / Korrespondentin

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