Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltkolumne
Sechs Stunden Mittagessen

Tapas, Paella, Weine, Süßes, Schnäpse und irgendwo, im Hintergrund, Real Madrid. Die Spanier sind berühmt für ihre Fiestas. Um da mitzuhalten braucht man eine verdammt gute Kondition. Eine Weltgeschichte.
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Madrid„Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich“, schreibt Hermann Hesse. Ich bin glücklich. Und verliebt – in Spanien.

Damit bin ich offensichtlich nicht alleine: Spanien ist das beliebteste Reiseland für uns Teutonen. Aber wie kommt es eigentlich, dass wir alle ein Land lieben, das doch so anders ist als unseres? Klar, da gibt es Sonne und Strand. Aber ich glaube, am Ende sind es die Leute, die gut gelaunt und desorganisiert das Leben so anders leben als wir.

Das habe ich am vergangenen Wochenende wieder gemerkt, als ich einen Freund zu einem Familienfest begleiten durfte. Der Cousin wurde 50 und hatte zum Mittagessen geladen. Als wir ankommen, ist noch keiner da. Und nichts deutet in dem Wohnzimmer daraufhin, dass hier gleich 25 Menschen essen sollen.

Nach und nach treffen weitere Cousins und Brüder ein, alle mit Klappstühlen in der Hand. Dann beginnt die Planung, oder etwas, dass man mit viel Wohlwollen so bezeichnen könnte. Wie passen alle in diesen Raum? Die ersten Biere werden geöffnet, der Couchtisch landet auf der Terrasse und alle schieben Klappstühle, Gartenmöbel und Tische hin und her und doch wieder anders, bis am Ende eigenwillig quer im Raum eine lange Tafel steht. Darauf kommen Papiertischdecken und listo.

In meiner Familie hätten wir – lange vor einer Einladung -  zunächst das Wohnzimmer vermessen und anschließend wahrscheinlich alles einmal zur Probe aufgestellt. Auf der Feier selbst wären beim Eintreffen der Gäste die Tischdeko perfekt und wir leicht gestresst gewesen.

Für Spanier sind wir Deutschen „Quadratschädel“. Alles läuft immer nach Plan, jede Abweichung lässt bei uns den Blutdruck in die Höhe schnellen. Im Grund blicken sie jenseits solcher Witzeleien aber mit großem Respekt auf Deutschland und unser vermeintliches Organisationstalent. Uns alle fasziniert eben das, was anders ist.

Schnell stellt sich heraus, dass der Jubilar kein Pay TV hat, um das Spiel von Real Madrid am Nachmittag zu gucken. Lange Gesichter. Aber nur kurz, denn das Spiel wird im Internet übertragen, im Haus gibt es Laptop und Verbindungskabel und nach einer Stunde Fachgesimpel und zehn Männern auf Knien zwischen TV, Kabeln und Steckdosen erscheint das Display des Laptops auf dem Fernseher. Großes Hurra, noch ein Bier. Dann sitzen endlich alle am Tisch.

Aber statt gebannt auf den Fernseher zu schauen, reden jetzt alle gleichzeitig, ununterbrochen und vor allem: laut. Soll ja schließlich jeder hören am langen Tisch. Aus der Küche kommen Tapas, Paella, Weine, Süßes und Schnäpse. Und irgendwo, im Hintergrund, spielt Real Madrid.

Trotz des ganzen Trubels nimmt sich jeder auch Zeit für mich. Das Geburtstagskind entschuldigt sich, dass wir uns nicht in Ruhe unterhalten können und lädt gleich für den nächsten Besuch ein, die Schwester kramt nach ihren Deutschland-Erinnerungen und ein Schwager versucht, mir spanische Witze zu erklären. Ich gebe mein Bestens, bin aber fast erleichtert, als mich die betagte Tante zur Seite zieht, um mir auf ihrem Handy alle Skulpturen zu zeigen, die ihr verstorbener Mann als Hobby je angefertigt hat.

Nach sechs Stunden ist das Mittagessen vorbei und ich kugele mich erschöpft nachhause. Ich lebe seit eineinhalb Jahren in Spanien, aber an meiner Fiesta-Kondition muss ich noch ernsthaft arbeiten.

Ebenso an meiner Gelassenheit. Zu Hause angekommen, ist wieder einmal die Sicherung rausgesprungen. Die deutschen Brötchen in der Tiefkühltruhe sind dahin. Vor meinem Fenster ertönt ein Hupkonzert, weil die zweite-Reihe-Parker einem Lieferwagen die Durchfahrt versperren. Und über mir bereitet meine Nachbarin sich in Stöckelschuhen auf ihre Samstagnacht vor.

Und ich denke mir, dass sich Liebende ja immer ähnlicher werden, im Lauf der Jahre. Das mit der Gelassenheit wird also schon noch werden. Und auf deutsche Brötchen kann ich notfalls verzichten. Auch wenn es schwer fällt.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid

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