Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Wohin mit dem Müll?
Soziale Schmutzkontrolle

Die Spanier sind ein extrem höfliches Volk. Nie würden sie einen anderen auf dessen Verfehlungen aufmerksam machen. Das klingt angenehm, hat manchmal jedoch einen hohen Preis. Eine Weltgeschichte .
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MadridKürzlich war ich in ein paar Tage in Düsseldorf – da schlug mir der Unterschied zwischen Deutschen und Spaniern voll ins Gesicht. Ich hatte mir bei Airbnb eine Wohnung in einem Hochhaus gemietet. Als ich zum ersten Mal meinen Müll in den Keller bringen wollte, misstraute ich den schweren Eisentüren, die zum Müllcontainer führten. Ich ging mit meinem Plastikbeutel nach draußen und warf ihn im Park nebenan in die erste Mülltonne, die ich dort fand. Sofort rief eine vorbei fahrende Radfahrerin: „Die ist aber nicht für Hausmüll gedacht!“ Wumms. Das war sie, die deutsche Besserwisserei. Dachte ich.

Die Spanier würden niemals andere zurechtweisen, schon gar keinen Fremden. Höflichkeit ist ihnen heilig und sie gehört zu den Dingen, die das Leben dort sehr angenehm machen. Wenn es aber etwa um das Thema Müll geht, hat sie auch einen hohen Preis: Die Straßen von Madrid sind total verdreckt. Auf den Gehwegen läuft man Slalom zwischen Hundehaufen, ständig sehe ich Raucher, die ihre Zigarettenschachtel öffnen und die Plastikfolie auf den Bürgersteig werfen. Ich habe noch nie etwas gesagt. Schließlich will ich keine Besserwisserin sein.

Vor meiner Wohnung in Madrid steht derzeit ein Baucontainer, weil eine Etage renoviert wird. Jeden Morgen findet sich darin Sperrmüll der gesamten Nachbarschaft, einmal war es eine Matratze, ein anderes Mal Regenschirme und Laptop-Verpackungen.

Als ich mir den Container und meine Straße so anschaue, fällt mir die Radlerin in Düsseldorf wieder ein und ich denke, dass ein bisschen soziale Kontrolle vielleicht gar nicht schlecht ist. Die spanische Politikerin und Vizeregierungschefin von Valencia, Mónica Oltra, hat mir einmal gesagt, die Spanier hätten ein anderes Verhältnis zu öffentlichen Plätzen als Deutsche.

Deutsche respektieren laut Oltra, die in NRW aufgewachsen ist, den öffentlichen Raum, weil sie wissen, dass er mit Steuern, also letztlich auch mit ihrem Geld finanziert wird. Für Spanier dagegen gehöre ein Bürgersteig schlicht niemandem. Und deshalb habe auch keiner das Gefühl, dass er besonders achtsam damit umgehen müsse. Ihr Argument ging  noch weiter: Wenn man von etwas, das ohnehin niemandem gehört, ein bisschen für sich selbst abzweigt, dann schadet man auch niemanden – und hat damit die perfekte Rechtfertigung für politische Korruption. Aber das ist ein anderes Thema.

Die wunderschönen Straßen von Madrid wären jedenfalls womöglich sauberer, wenn mehr Leute wie die Düsseldorfer Radlerin den Mut aufbrächten, diejenigen zu Recht zu weisen, die ihren Dreck gar nicht oder eben falsch entsorgen. Ich werde das beim nächsten Zigarettenpapier einmal versuchen. Zu einem Streit kommen kann es eigentlich nicht, dafür sind die Spanier viel zu höflich.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid

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