Wie die Fußball-Europameisterschaft das Regieren überschattet
Die Politik ist rund ...

Da kommende Termine des Kanzlers für nervöse Berliner Medien stets den Hauch von Sensation bergen, hier eine Enthüllung: Am Abend des 15. Juni findet KEINES der schnell zum „Gipfel“ hochstilisierten Treffen im Kanzleramt statt. Denn für Gerhard Schröder ist um 20.45 Uhr nach bisherigem Stand der Planung ein für Deutschland mindestens ebenso wichtigstes Ereignis angesetzt - das Hinrundenspiel gegen die Niederlande bei der Fußball-Europameisterschaft.

HB BERLIN. Man mag das zunächst zum unpolitischen Teil im Leben des Kanzlers zählen. Aber tatsächlich wird der Fußball in den kommenden Wochen erheblichen Einfluss auf das politische Leben haben. Zum einen werden Abendveranstaltungen dezent, aber konsequent an deutschen Spielen vorbeigelegt. Wer dies wegen langfristiger Planungen nicht mehr kann, bietet wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) bei seiner Jahrestagung am 15. Juni zumindest eine Live-Übertragung an.

Zum anderen aber drückt man im rot-grünen Regierungslager der deutschen Elf wie selten zuvor die Daumen. Schon bei der Weltmeisterschaft 2002 profitierte der Kanzler vom überraschend guten Abschneiden der Völler-Truppe. Die Opposition grantelte damals, dass auch der Vizeweltmeistertitel und nicht nur die Elbe-Flut und der Irak-Krieg die zuvor depressive Stimmung im Land drehte. Nicht umsonst tritt Schröder als sich volksnahe gebender Kanzler zudem gegen fast jeden Ball, der ihm vor die Füße kommt.

In anderen Ländern hat man den Zusammenhang von Fußball und Politik ohnehin längst erkannt. So hat etwa der frühere britische Premierminister Harold Wilson 1966 darauf verwiesen, dass die Engländer bisher nur unter Labour einen Weltmeistertitel errungen haben. Am konsequentesten aber hat Italiens Premierminister Silvio Berlusconi dies erkannt - und seine Partei („Forza Italia“) nach dem Schlachtruf der Fans benannt. Weil sein Verein AC Mailand diesmal nicht Meister wurde, sehen viele dennoch sein politisches Ende nahe.

Überschatten dürfte die Europameisterschaft auch den nicht ganz unwichtigen EU-Gipfel in Brüssel. Denn am 17. Juni spielen abends ausgerechnet England gegen die Schweiz und Frankreich gegen Kroatien. Wie man dabei die europäische Verfassung verabschieden will, ist unklar. Noch in guter Erinnerung ist den Organisatoren, dass schon auf dem EU-Treffen in Sevilla im Juni 2002 die deutsche Delegation Teile des Gipfels verpasste, weil gerade Deutschland gegen die USA spielte.

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