Wirbel um Kelly-Dokument
Britischer Geheimdienstchef tritt zurück

Der Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 tritt nächstes Jahr zurück, angeblich aus Verärgerung über die Irak- Politik von Premierminister Tony Blair. Die Zeitung „The Observer“ wertete dies am Sonntag als einen „neuen Schlag für die Glaubwürdigkeit der Regierung“.

HB/dpa LONDON. Ein Sprecher des Außenministeriums sagte dagegen, der Rücktritt des MI6-Chefs Sir Richard Dearlove (58) im August nächsten Jahres habe nichts mit dem Irak zu tun. Er erfolge auch nicht vorzeitig, wie vom „Observer“ gemeldet, sondern regulär.

Britische Zeitungen hatten in den vergangenen Monaten wiederholt berichtet, der Geheimdienst sei empört darüber, dass die Regierung seine Informationen über irakische Massenvernichtungswaffen öffentlichkeitswirksam aufbereitet und dadurch verzerrt habe.

Das britische Verteidigungsministerium bestritt am Wochenende einen Zeitungsbericht, wonach es ein möglicherweise brisantes Dokument zur Kelly-Affäre verbrennen wollte. Der „Daily Telegraph“ berichtete, es habe sich dabei um einen „Medien-Plan“ zum Umgang mit dem Waffenexperten David Kelly gehandelt. Drei Tage nach Kellys Selbstmord hätte dieses Papier verbrannt werden sollen, was Sicherheitsleute aber verhindert hätten. „Der Versuch, Dokumente zu zerstören, lässt den Verdacht einer Vertuschung aufkommen“, schrieb die Zeitung. Kelly war die Hauptquelle für einen kritischen BBC- Bericht über Blairs Irak-Politik.

Auch Verteidigungsminister Geoff Hoon stand am Sonntag wieder in der Kritik. Nach einem Bericht des „Sunday Telegraph“ sind einige seiner Kabinettskollegen „wütend“ darüber, dass er sich entschlossen hat, am Mittwoch nicht zu Kellys Begräbnis zu gehen, obwohl dieser beim Verteidigungsministerium angestellt war. Stattdessen fährt Hoon in Urlaub. „Es ist unglaublich, dass er das tut“, wurde ein Minister zitiert.

Blair, der ebenfalls für drei Wochen Karibik-Urlaub macht, ließ sich am Wochenende von zwei treuen Gefolgsleuten verteidigen, dem Labour-Fraktionsvorsitzenden Peter Hain und dem ehemaligen Nordirland-Minister Peter Mandelson. Hain warnte seine Parteifreunde vor einer Ablösung Blairs: „Der Premierminister überragt weiter die gesamte britische Politik. Niemand sonst reicht an seine Autorität heran.“ Mandelson schrieb im „Sunday Mirror“, Blair führe „die erfolgreichste Labour-Regierung aller Zeiten“.

Blair ist seit diesem Samstag der am längsten ohne Unterbrechung regierende Labour-Premier der britischen Geschichte. Er übertraf Clement Attlee, der von 1945 bis 1951 sechs Jahre und 92 Tage regiert hatte. Blair hat allerdings noch nicht den Rekord von Harold Wilson gebrochen, der in zwei Abschnitten insgesamt sieben Jahre und 279 Tage an der Macht war, einmal von 1964 bis 1970 und dann von 1974 bis 1976.

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