Wirtschaftskrise
Chinas Ochsentour im Jahr des Ochsen

Was für deutsche Ohren traumhaft klingt, ist für ein aufstrebendes Schwellenland eine Katastrophe: Im kommenden Jahr muss sich China mit fünf Prozent Wachstum begnügen. Die Regierung in Peking steht vor einer völlig neuen Herausforderung. Sie muss den Bürgern die Krise erklären und ihnen neuen Mut machen.

PEKING. Auf dem Pekinger Blumenmarkt Laitai konnte man sich vor Weihnachten an den Folgen der weltweiten Rezession erfreuen. Auf dem kleinen Weihnachtsbasar gab es neben blinkenden Merry-Christmas-Sternen diesmal auch Räuchermännchen, Nussknacker und Rausche-Engelchen. Die Ware stamme aus Südchina und sei eigentlich für den Export produziert worden, lautete die Auskunft der Verkäuferin. Doch die Bestellungen wurden in letzter Minute storniert. "Wegen der Krise", habe sie gehört. Und so landete der Erzgebirgsschmuck "made in China" nicht in Berliner Kaufhäusern, sondern auf dem Markt in Peking.

Die Botschaft der Engel vom Laitai-Markt: China, die weltweit viertgrößte Wirtschaftsmacht, kann sich von der globalen Rezession nicht abkoppeln. Und Chinas Wirtschaft ist auch nicht stark genug, um den Rest der Welt aus der Krise zu befreien.

Das Land habe von der wirtschaftlichen Globalisierung in den vergangenen Jahrzehnten am meisten profitiert, sagt Andy Xie, Analyst in Schanghai. "Daher sind die Auswirkungen der globalen Krise besonders groß." Das Reich der Aufsteiger steht damit jedoch vor neuen Problemen. Denn weltweit wollen die Kunden plötzlich keine China-Ware mehr: Im November gingen erstmals seit sieben Jahren die Exporte gegenüber dem Vorjahr zurück.

Für 2009 wird nun ein Exportminus von bis zu 15 Prozent befürchtet. Für Chinas Planer ist das eine verkehrte Welt: In den vergangenen fünf Jahren waren die Ausfuhren jährlich im Schnitt um 28,5 Prozent gewachsen. Vor allem Exporte waren bislang die Jobmaschine in den Küstenprovinzen. Zudem machen sie einen erheblichen Anteil des Wachstums aus, das in den vergangenen Jahren stets zweistellig war.

Alles Vergangenheit. Für 2009 hat die Weltbank ihre China-Prognose bereits kräftig auf 7,5 Prozent nach unten korrigiert. Viele Experten halten auch diesen Wert noch für zu optimistisch. Der Internationale Währungsfonds befürchtet sogar, dass das Wachstum auf fünf Prozent sinken könnte. Das mag zwar für deutsche Ohren noch traumhaft hoch klingen, doch ist dieser Wert für das aufstrebende Schwellenland China vergleichbar mit einer Rezession in einem Industrieland. Chinas Führung steht damit vor neuen Herausforderungen. Denn mit solch einem Wachstum wird China erstmals nicht ausreichend Arbeitsplätze schaffen können. Schon in den vergangenen Monaten haben im Perlflussdelta, dem Hinterland von Hongkong, Tausende von Fabriken dichtgemacht, mussten Millionen Arbeiter die Küstenregion verlassen. Und das war erst der Auftakt, befürchten die Experten.

Was noch vor einem halben Jahr als schlechter Witz gegolten hätte, ist nun die Aussicht für 2009: Das chinesische Wirtschaftswunder gerät ins Wanken. Korrekt verweisen die Chinesen darauf, dass sie nicht der Auslöser der Krise sind. Doch das hilft wenig. Und mit dem Abschwung offenbaren sich die Versäumnisse der Pekinger Politik und des chinesischen Wirtschaftssystems. Zu sehr wurde auf den billigen Exportboom und auf staatliche Investitionsprogramme gesetzt. Der oft angekündigte Umbau der Wirtschaft, hin zu mehr Innovation, Qualität und Privatwirtschaft, fand in der Realität kaum statt. Alles wurde dem schnellen Erfolg geopfert. Peking bleibt darum nun kaum eine andere Wahl, als sich mit Investitionsprogrammen der Superlative über die Krise zu retten.

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