Zunehmendes Gewicht der Schwellenländer
Ende der euro-atlantisch dominierten Ordnung

Die wirtschatflichen und politischen Gewichte in der Welt haben sich bereits stark verschoben – so sehr, dass von einer euro-atlantisch dominierten Ordnung nicht mehr die Rede sein kann. Das konstatiert Eberhard Sandschneider, einer der profiliertesten außenpolitischen Experten der Bundesrepublik. Manche Illusion werde schnell zerplatzen, schreibt er in einem Essay für das Handelsblatt.

HB DÜSSELDORF. Etwa die Illusion „dass die Institutionen, die der Westen mitbegründet und in den letzten Jahren auch bestimmt hat, dauerhaft unter unserer Kontrolle bleiben werden“. Aufgrund des wirtschaftlichen und finanziellen Gewichts der Schwellenländer würden diese Institutionen „immer stärker von neuen strategischen Achsen und von Finanzströmen beeinflusst und kontrolliert, die westliche Dominanz unterlaufen", schreibt der Direktor des Forschungsinstituts der deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik.

Auch westliche Werte hätten im globalen Rahmen bereits erheblich an Wirkung verloren, was Europa und Amerika zum Teil noch nicht einmal zur Kenntnis nähmen. Sandschneider folgert daraus: „Je heftiger wir insistieren, dass unsere Wertvorstellungen, die wir gerne als 'good governance' zusammenfassen, eingehalten werden, desto heftiger regt sich der Widerstand." Erste Konturen eines neuen Dualismus in der Weltpolitik zeichneten sich ab, die Auswirkungen könnten ähnlich tiefgreifend sein wie die der Ost-West-Konfrontation.

Auch die transatlantischen Beziehungen, die in diesem Jahr allgemein als wieder intakt gelobt wurden, beurteilt Sandschneider skeptisch: „Den 'Westen', wie wir ihn bislang zu kennen glaubten und immer noch gerne in programmatischen Reden beschwören, gibt es nicht mehr." Strategische Perspektiven und Interessen hätten sich fundamental verschoben. In vielen wesentlichen Fragen gebe es kein Einvernehmen mehr zwischen den atlantischen Partnern: „Das gilt nicht nur für den offensichtlichen Dissens in der Klimapolitik. Wenn in den USA strategische Debatten geführt werden, spielt Europa keine Rolle."

Dennoch argumentiert Sandschneider gegen fatalistische Abstiegsängste: „Die neuen Schwellenländer werden die internationale Ordnung verändern, aber sie werden an ihre eigenen Grenzen stoßen." Nichts von den Horrorszenarien, die sich malen lassen, müsse eintreten: „Der Abgesang auf das Abendland kommt wohl wieder einmal zu früh." Aber es sei höchste Zeit, die Herausforderungen aktiv anzunehmen und eigene Handlungsfähigkeit zu schaffen: „Wir haben nicht nur nationale, sondern zunehmend auch globale Interessen. Das setzt ein grundständiges Umdenken voraus. Niemand da draußen wartet darauf, bis wir in Deutschland unsere Hausaufgaben gemacht haben und bereit sind, solchermaßen gestärkt den globalen Wettbewerb aufzunehmen."

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