Alle führenden Konjunkturforscher halten die Prognosen des Herbstgutachtens für zu optimistisch
Institute senken Daumen für 2005

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rücken nur acht Wochen nach der Veröffentlichung von ihrem gemeinsamen Herbstgutachten ab: Alle sechs an der Gemeinschaftsprognose beteiligten Denkfabriken schätzen die Aussichten für 2005 mittlerweile zum Teil deutlich pessimistischer ein.

ost DÜSSELDORF. Am Montag senkte das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) seine Prognose für 2005 auf 1,3 Prozent, nachdem vergangene Woche bereits das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) seine Vorhersage deutlich auf 0,8 Prozent reduziert hatte. Die vier anderen Institute werden in Kürze folgen, ergab eine Umfrage des Handelsblatts. Ende Oktober hatten fünf der sechs Institute im Herbstgutachten prognostiziert, dass die deutsche Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr um 1,5 Prozent wachsen wird.

„Die Zahlen des Herbstgutachtens sind aus heutiger Sicht einfach zu optimistisch – wir müssen unsere Prognose zurücknehmen“, sagte HWWA-Konjunkturchef Eckhardt Wohlers, der kommenden Dienstag eine neue Prognose vorlegen wird.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), das genaue Zahlen ebenfalls Anfang kommender Woche veröffentlichen wird, taxiert das Wachstum nur noch auf 1,2 bis 1,4 Prozent. „Wir erleben gerade eine Wachstumsdelle“, sagte IWH-Konjunkturchef Udo Ludwig dem Handelsblatt. Auch aus dem Ifo-Institut und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hieß es auf Nachfrage, man werde die Prognosen für 2005 höchstwahrscheinlich reduzieren. „Die Konjunkturrisiken haben einfach zugenommen“, sagte DIW-Konjunkturexperte Andreas Cors und verwies auf die erneute Aufwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar. Zugleich betonte Cors, das DIW schätze die Aussichten nach wie vor optimistischer ein als die anderen führenden Institute. Im Herbstgutachten hatte das Institut in einem Minderheitsvotum noch 2,0 Prozent in Aussicht gestellt. Eine überarbeitete Prognose werden die Berliner Anfang Januar 2005 veröffentlichen.

Weitere Turbulenzen auf dem Devisenmarkt sind nach Einschätzung des Essener RWI eine der größten Gefahren für die deutsche Konjunktur. Nur, wenn sich der Wechselkurs gegenüber dem Dollar auf dem derzeitigen Niveau stabilisiere, sei das für 2005 prognostizierte Wachstum von 1,3 Prozent realistisch. „Angesichts des noch wachsenden Leistungsbilanzdefizits der USA ist allerdings die Gefahr groß, dass sich die Abwertung des Dollars fortsetzt“, warnt RWI- Konjunkturchef Roland Döhrn. Dann würde nicht nur die Auslandsnachfrage noch schwächer ausfallen als erwartet, auch die Binnenwirtschaft würde getroffen. Döhrn: „Die Aussichten wären noch trüber.“ Verglichen mit ihrer im Juli veröffentlichten Sommerprognose haben die Essener Ökonomen schon jetzt ihre Erwartungen an das kommende Jahr drastisch zurückgeschraubt: Vor einem knappen halben Jahr hatte das Institut für 2005 noch einen BIP-Anstieg von 2,1 Prozent erwartet.

Als Hauptgrund für die Abwärtsrevision führt das Institut den überraschenden Wachstumseinbruch im dritten Quartal an, in dem das BIP nur um minimale 0,1 Prozent gestiegen ist. Vor allem wegen des stark gestiegenen Ölpreises habe der im ersten Halbjahr kräftige weltwirtschaftliche Aufschwung an Fahrt verloren. Zudem werde der jüngste Höhenflug des Euros das deutsche Auslandsgeschäft in den kommenden Monaten belasten. In Bezug auf die in der Vergangenheit chronisch schwache Inlandskonjunktur in Deutschland gibt sich das RWI trotz allem vergleichsweise optimistisch: „Es mehren sich die Anzeichen für eine Belebung der Binnennachfrage“, so Döhrn und verweist auf die im dritten Quartal gestiegenen Ausrüstungsinvestitionen und die zuletzt etwas besseren Einzelhandelsumsätze. „Wir erwarten, dass diese günstigen Tendenzen bei der Binnenkonjunktur 2005 anhalten.“

Dennoch werde das deutsche Haushaltsdefizit mit 3,4 Prozent zum vierten Mal in Folge die Defizitgrenze des Maastrichter Vertrags überschreiten. Die Zahl der Arbeitslosen steige im Jahresschnitt leicht auf 4,45 Millionen. Allerdings seien die Statistiken durch die Hartz-Reformen verzerrt, weil sich ab Januar viele erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger erstmals arbeitslos melden werden. Die wirkliche Lage auf dem Arbeitsmarkt werde sich 2005 verbessern – allerdings nur ganz allmählich.

Quelle: Handelsblatt

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