Arbeitslosenzahlen
Konzerne zögern mit Jobabbau

Die deutschen Unternehmen stemmen sich mit ihrer Personalpolitik stärker gegen den Abschwung als bisher vermutet. Die Zahl der Erwerbslosen ging im Mai nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) unerwartet stark zurück. Sie sank gegenüber April um 127 000 auf 3,46 Mio. Eine Trendwende ist das nicht - doch einige Experten sehen darin einen Hoffnungschimmer.

BERLIN/DÜSSELDORF. Der Rückgang im Monatsvergleich fiel damit zwar schwächer aus als in früheren Jahren. Doch wurden die negativen Einflüsse der Rezession erstmals in diesem Jahr von der typischen Frühjahrsbelebung deutlich in den Hintergrund gedrängt. Volkswirte hatten im Vorfeld einen allenfalls halb so starken Rückgang gegenüber dem Vormonat erwartet. Im März und April hatten die Arbeitslosenzahlen, anders als saisonüblich, auf hohem Niveau stagniert.

Wirtschaftsforscher warnten am Donnerstag zwar davor, die aktuelle Entwicklung als Signal für eine Entwarnung zu deuten. "Ich befürchte, das Schlimmste steht uns am Arbeitsmarkt noch bevor", sagte Wolfgang Franz, Vorsitzender der fünf Wirtschaftsweisen, dem Handelsblatt. Auch BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise betonte, es dürfe "auf keinen Fall von einer Trendwende gesprochen werden".

Zugleich aber lässt sich die etwas verbesserte Entwicklung im Mai offenbar nicht allein mit der starken Ausweitung der Kurzarbeit in den vergangenen Monaten erklären. Laut Bundesagentur waren bereits im März 1,1 Mio. Arbeitnehmer konjunkturbedingt auf Kurzarbeit. Von diesem Niveau aus erwartet Weise vorerst keinen weiteren starken Anstieg, sondern eine Stabilisierung der Kurzarbeiterzahl.

Die aktuell unverhofft günstige Tendenz deckt sich mit Einschätzungen aus wichtigen Industriezweigen. Dies gilt etwa für die chemische Industrie, die noch kaum Entlassungen registriert. "Angesichts der Fülle schlechter Nachrichten ist es bemerkenswert, dass die deutsche Chemieindustrie bisher weitgehend ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommt", sagte Eggert Voscherau, Aufsichtsratschef von BASF und Präsident des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC). Zwar könne niemand garantieren, dass Arbeitsplatzabbau auf Dauer vermeidbar sei. "Aber wir setzen weiterhin alles daran, Kündigungen zu vermeiden", versicherte Voscherau.

Düsterer sind die Perspektiven allerdings im Maschinenbau. Der Branchenverband VDMA rechnet bislang damit, dass im laufenden Jahr rund 25 000 der insgesamt 975 000 Stellen in dem exportabhängigen Wirtschaftszweig wegfallen. Angesichts der sich verschlechternden Lage dürfte dies indes kaum zu halten sein: Die Auftragseingänge liegen seit Oktober mit jeweils zweistelligen Raten unter den Vorjahreswerten. Im April 2009 verbuchte die Branche ein Rekordminus von 58 Prozent weniger Bestellungen als im Vorjahresmonat.

Im Maschinenbau trägt Kurzarbeit bisher stärker als in allen anderen Branchen dazu bei, Arbeitsplätze zumindest vorübergehend zu halten. Im März arbeiteten laut BA-Statistik 158 000 Beschäftigte allein in der Branche kurz, das ist eine Quote von mehr als 16 Prozent. Auch in der Nachbarbranche Elektroindustrie liegt die Quote mit gut 13 Prozent weit über dem gesamtwirtschaftlichen Mittel von etwa vier Prozent.

Für die zweite Jahreshälfte erwarten Wirtschaftsforscher insbesondere deshalb einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosenzahlen, weil die entlastende Wirkung der Kurzarbeit dann nach und nach abnehmen dürfte. Denn selbst bei einer Stabilisierung der Konjunktur würde sich die Auslastung der Unternehmen zunächst auf einem deutlich niedrigeren Niveau einpegeln als vor der Krise. Damit werde der Druck zunehmen, von Kurzarbeit auf Personalabbau umzuschalten, rechnet Franz.

Zudem zeichnet sich eine weitere Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen für Unternehmen ab. "Vor allem große Mittelständler geraten zunehmend in finanzielle Probleme", sagte der Konjunkturchef des Münchener Ifo-Instituts, Kai Carstensen, mit Blick auf die monatlich von seinem Institut erhobene Kreditstatistik.

Dennoch sieht auch der Wirtschaftsweise Franz zumindest ein positives Signal in den aktuellen Arbeitslosenzahlen. "Es ist schon ein Hoffnungsschimmer, dass es vorerst keine weiteren Horrormeldungen vom Arbeitsmarkt gibt." Die Aussicht auf eine konjunkturelle Bodenbildung könne schon die Bereitschaft der Unternehmen stärken, speziell qualifiziertes Fachpersonal länger zu halten.

Im Jahresdurchschnitt 2009 erwartet die Bundesregierung in ihrer aktuellen Projektion einen Anstieg der Arbeitslosenzahl auf gut 3,7 Millionen, für 2010 rechnen die Forscher mit einem weiteren Anstieg in Richtung fünf Millionen. BA-Chef Weise zeigte sich aber zuversichtlicher als zuvor, dass die Vier-Millionen-Marke erst 2010 erstmals wieder durchbrochen werde.

Auf der Suche

Arbeitslose

Im Mai waren 3,458 Millionen Menschen ohne Arbeit, das sind rund 127 000 weniger als im April, aber rund 175 000 mehr als vor einem Jahr. Saisonbereinigt stieg die Zahl der Arbeitslosen im Mai unerwartet gering um 1 000.

Kurzarbeiter

Das Interesse an Kurzarbeit ist unverändert hoch. Hochrechnungen zufolge wurde im Mai für 290 000 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Allerdings nutzten die Firmen bisher im Schnitt nur 50 Prozent der angemeldeten Kurzarbeit.Von Oktober bis Mai 2009 hätten 96 000 Betriebe für rund 2,8 Millionen Beschäftigte Kurzarbeit beantragt, aber nur für rund die Hälfte davon auch Kurzarbeitergeld in Anspruch genommen.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%