Auftragseingänge signalisieren neue Wirtschaftsdynamik – Volkswirte warnen vor Euphorie
Starke Inlandsnachfrage nährt Hoffnung auf neues Wachstum

Die deutsche Industrie hat im Juni überraschend viele neue Aufträge erhalten. Verantwortlich hierfür war vor allem die gestiegene inländische Nachfrage nach Investitionsgütern. Insgesamt erhielten die Unternehmen im Juni 2,4 Prozent mehr Aufträge als im Vormonat, teilte das Bundeswirtschaftsministerium gestern mit.

ari/doh/gil DÜSSELDORF.Bereits im Mai hatten die Orders um 2,3 Prozent zugelegt. Volkswirte zeigten sich von den neuen Zahlen positiv überrascht. Sie rechnen jetzt damit, dass die deutsche Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte stärker wachsen wird als in den ersten sechs Monaten.

Nachdem die deutschen Unternehmen jahrelang äußerst zurückhaltend investiert hatten, belebt die gewachsene Investitionbereitschaft jetzt die gesamte Inlandsnachfrage. Gegenüber Mai erhöhten sich die gesamten heimischen Bestellungen um vier Prozent. Die Auslandsnachfrage stieg hingegen nur um 0,8 Prozent. Bislang war der Export die einzige Wachstumsstütze der deutschen Wirtschaft. Ökonomen gehen davon aus, dass sich nun auch die schwache Binnenkonjunktur erholen könnte. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) betonte gestern, „die in den letzten Monaten gestiegenen Impulse aus dem Inland“ und erwartet eine steigende Industrieproduktion im zweiten Halbjahr 2005.

Im Juni erhielten die Investitionsgüterhersteller aus dem Inland gut acht Prozent mehr Aufträge als im Vormonat. Seit Mai habe Siemens drei große Kraftwerksaufträge im Wert von zusammen einer Mrd. Euro in Deutschland akquiriert, bestätigte ein Konzernsprecher. „Das ist ungewöhnlich viel.“ Gestern legte auch der Wiesbadener Traditionskonzern Linde überraschen gute Halbjahreszahlen vor. Der Industriegase- und Gabelstaplerspezialist steigerte seinen Betriebsgewinn um 20 Prozent auf 372 Mill. Euro. „Wir stehen in allen Bereichen besser da als vor einem Jahr“, sagte Konzernchef Wolfgang Reitzle. Allerdings muss sich das Inlandsgeschäft aus Reitzles Sicht noch dringend weiter beleben.

Die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer sehen sich nach einer Delle in der zweiten Hälfte des Jahres 2004 ebenfalls wieder auf Wachstumskurs. Im Juni erhielt die nach der Autoindustrie und der Elektrotechnik drittgrößte deutsche Industriesparte 14 Prozent mehr Aufträge als vor einem Jahr. Mit einem Plus von zwei Prozent verbesserte sich auch das in den vergangenen Monaten schwache Inlandsgeschäft wieder. Nach wie vor profitieren die Maschinen- und Anlagenbauer aber vor allem von Auslandsaufträgen. Im Ausland profitieren die Anlagenbauer auch von dem in jüngster Zeit wieder schwächeren Euro-Wechselkurs.

Nach Jahren der Stagnation belebt sich in Deutschland auch das Geschäft der Automobilkonzerne. Neue Modelle und eine steigende Nachfrage aus dem Inland beleben das Geschäft. Nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie übertraf die Zahl der Neuzulassungen im Juli im vierten Monat in Folge das Vorjahr und stieg um zwei Prozent auf 272 000 Autos. Nach Einschätzung der Autoindustrie wächst bei den Kunden die Neigung zum Autokauf. Zusätzliche Impulse erhofft die Branche sich von der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) im September in Frankfurt.

Trotz der überraschend guten Auftragszahlen im Juni wollen Volkswirte noch nicht von einer Trendwende sprechen. Selbst das Bundeswirtschaftsministerium räumte ein, dass in die Statistik Großaufträge „in überdurchschnittlichem Umfang“ enthalten seien. Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), sagte dem Handelsblatt: „Ich würde noch nicht in Euphorie verfallen, dazu sind die Statistiken zu wackelig.“

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