BIP schwach wie seit Jahren nicht
Großbritannien droht in Rezession abzugleiten

In der Finanzbranche und im Immobilienmarkt kriselt es, gleichzeitig steigt die Inflation - die wirtschaftliche Lage auf der britischen Insel ist derzeit alles andere als rosig. Das BIP hat im zweiten Quartal so schwach zugelegt wie seit Jahren nicht mehr. Experten schlagen Alarm: „Wir gehen in eine Rezession und sind wahrscheinlich schon drin.“

LONDON. Die wirtschaftliche Lage in Großbritannien verdüstert sich von Woche zu Woche. Sinkende Hauspreise, steigende Arbeitslosenzahlen und die Krise der Finanzbranche veranlassen immer mehr Ökonomen, ihre Wachstumsprognosen nach unten zu revidieren.

Neuste Hiobsbotschaft: Die britische Wirtschaft hat im zweiten Quartal so schwach zugelegt wie seit Jahren nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas stieg im Vergleich zum Jahresbeginn um 0,2 Prozent nach 0,3 Prozent im ersten Vierteljahr. Ein schwächeres Quartalswachstum hatte es zuletzt Anfang 2005 gegeben. Zum Vorjahr legte die Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent zu. Insbesondere der Dienstleistungssektor ist als langjähriger Wachstumsmotor ins Stottern geraten: Mit einem Zuwachs von 2,1 Prozent zum Vorjahr ergab sich der niedrigste Wert seit Ende 1992.

Im dritten Quartal könnte das BIP dann schrumpfen, wenn sich wichtige Datenreihen weiter abwärts entwickeln. „Eine Rezession ist nicht unsere zentrale Vorhersage, aber wir kommen ihr näher, als wir erwartet hatten“, sagt Robert Barrie, Volkswirt bei Credit Suisse.

So mehren sich die Warnungen vor einer Rezession noch im laufenden Jahr mehren. Die Regierung hat angesichts hoher Haushaltsdefizite kaum Möglichkeiten, dagegenzuhalten. Die galoppierende Inflation bindet auch der Bank von England die Hände: Sie kann die Leitzinsen auf absehbare Zeit nicht senken.

Dramatisch sieht David Blanchflower, Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank von England, die Lage. „Wir gehen in eine Rezession und sind wahrscheinlich schon drin“, sagte er der Tageszeitung „The Guardian“. „Wir werden wahrscheinlich drei oder vier Quartale negativen Wachstums haben.“ Der Ökonomie-Professor ist ein engagierter Verfechter mutiger Leitzinssenkungen im Stile der US-Notenbank Fed. Doch die Mehrheit in der Bank von England will vor allem die Inflationsrate im Zaum halten, die viele Ökonomen in den kommenden Monaten auf bis zu fünf Prozent hochschießen sehen.

Das Dilemma stark steigender Preise bei einbrechender Konjunktur kennt auch die Euro-Zone, doch die britische Wirtschaft leidet derzeit besonders stark. Die Faktoren, die sie seit Mitte der neunziger Jahre fast immer stärker wachsen ließen als die Euro-Zone, verstärken nun den Abwärtstrend: Der Boom der Finanzbranche und des Immobilienmarkts hat sich in eine Talfahrt umgekehrt. Die Londoner City als Motor der britischen Wirtschaft stottert. Die hartnäckige Kreditkrise zwingt die Branche zu einer Schrumpfkur. Auf dem Immobilienmarkt fallen die Preise nun so schnell wie seit den dreißiger Jahren nicht mehr. Potenzielle Käufer bekommen keinen Kredit mehr oder warten ab, bis die Preise einen Boden erreicht haben.

Auch der private Konsum, der sich bislang wacker hielt, knickt nun ein. Der Einzelhandelsumsatz hat im Juni den stärksten monatlichen Rückgang seit Beginn der Datenreihe 1986 verzeichnet. Der Einbruch fiel mit 3,9 Prozent zum Vormonat noch stärker aus als von Volkswirten erwartet. Sie hatten im Durchschnitt ein Minus von 3,0 Prozent auf Monatssicht prognostiziert, nachdem der Umsatz im Mai überraschend um 3,6 Prozent in die Höhe geschnellt war.

Wenn in der zweiten Jahreshälfte, wie von vielen Ökonomen erwartet, der Konsum noch stärker einknickt, dann wackelt der ganze Dienstleistungssektor. Er macht rund 70 Prozent der britischen Wirtschaft aus und wuchs im ersten Quartal um 0,3 Prozent – so schwach wie seit mehr als zwölf Jahren nicht mehr. Ökonomen erwarten, dass vor allem ein Stellenabbau in Dienstleistungsfirmen die Arbeitslosenquote von derzeit 5,2 Prozent bis Mitte 2009 auf gut sechs Prozent steigern wird.

Die Hoffnungen, dass die Industrie von den Kursverlusten des Pfund Sterlings profitieren und mit Exportwachstum dagegenhalten könnte, haben sich zerschlagen. Die Abkühlung der Weltwirtschaft hat die Industrieproduktion zuletzt im Mai um 0,5 Prozent schrumpfen lassen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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