Diskrepanz zwischen den Erwartungen internationaler Geldhäuser und deutscher Volkswirte
Investmentbanker: EZB erhöht vor US-Notenbank die Zinsen

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird 2004 die Rolle des zinspolitischen Schrittmachers übernehmen. Davon sind jedenfalls weltweit führende Investmentbanken wie Goldman Sachs, Merrill Lynch, Morgan Stanley und Credit Suisse First Boston überzeugt.

FRANKFURT/M. Nach einer Umfrage des Handelsblatts gehen sie davon aus, dass die von Jean-Claude Trichet geführte EZB den Leitzins noch vor der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) anheben wird. Dagegen sehen die sieben wichtigsten deutschen Banken der Umfrage zufolge US-Notenbankchef Alan Greenspan wie in den Vorjahren auch 2004 wieder in der zinspolitischen Führungsrolle.

Die erwartete Entwicklung der US-Leitzinsen spielt eine besonders wichtige Rolle für fast alle Kapitalmarktprognosen. „Zinspolitische Wendepunkte nach oben sorgen an den Aktienmärkten meist für längeren Katzenjammer“, sagte Ben Funnell, Leiter der europäischen Aktienstrategie von Morgan Stanley.

Die Diskrepanz zwischen den zinspolitischen Einschätzungen ist für die Volkswirte der deutschen Großbanken eine Herausforderung. Denn mit ihren Prognosen beeinflussen sie die Anlagepolitik des eigenen Hauses und die Anlageempfehlungen für die Kunden. Sollte die EZB entgegen den Prognosen der deutschen Experten doch zuerst den Leitzins von derzeit 2,0 % anheben, wären ihre Anlageempfehlungen überholt.

Der Unterschied zwischen den internationalen Investmentbanken und den deutschen Geldinstituten beruht vor allem auf einer gegenläufigen Interpretation der von der Fed zuletzt im Dezember bekräftigten Aussage, den US-Leitzins noch eine „beträchtliche Zeit“ auf dem historisch niedrigen Niveau von 1 % halten zu wollen. Während führende Investmentbanken davon ausgehen, dass die Fed den Leitzins bis Ende 2004 nicht verändern wird, sagte beispielsweise Klaus Holschuh, Leiter Volkswirtschaft und Research der DZ-Bank: „Eine Notenbank erklärt immer, ihr Leitzins sei angemessen – bis sie ihn ändert.“ Holschuh ist davon überzeugt, dass Fed-Chef Greenspan wegen des erwarteten kräftigen Wachstums der US-Wirtschaft und steigender Inflationsraten schon im ersten Quartal 2004 eine erste Zinserhöhung bekannt geben wird. Ende des kommenden Jahres rechnet Holschuh mit einem US-Leitzins von 3,5 %. Die meisten deutschen Banken sehen den US-Leitzins in einem Jahr allerdings eher bei 2,3 %.

Dagegen erwartet die Investmentbank Merrill Lynch 2004 nur im Euro-Raum eine Zinserhöhung. Europa- Chefvolkswirt Ian Stewart begründet die Prognose damit, dass die Inflationsrate der zwölf Euro-Länder hartnäckig über der Marke von 2 % bleiben, die Geldmenge zu stark wachsen und gleichzeitig die Konjunktur in Gang kommen werde. In den USA hingegen sei die Inflationsrate nicht nur niedriger als im Euro-Raum, sondern liege auch unter dem von der Fed angestrebten Wert, begründete Stewart seine Prognose, dass die US-Notenbank 2004 die Leitzinsen nicht erhöhen wird. Tatsächlich ist die in den USA vorrangig betrachtete und um die stark schwankenden Nahrungsmittel- und Energiepreise bereinigte Kerninflationsrate zuletzt auf 1,1 % gesunken. Die Fed hält der vorherrschenden Expertenmeinung zufolge 2,5 % für angemessen.

Die Leitzinsprognosen aller Bankvolkswirte für den Euro-Raum bleiben hinter dem zurück, was die Finanzmärkte an geldpolitischer Straffung bereits vorweggenommen haben. Nach den Zinsfutures sieht der Markt den Euro-Leitzins Ende 2004 bei 2,5 %. In den USA erwartet der Markt den Leitzins zum Jahresende in Übereinstimmung mit den deutschen Volkswirten bei 2,0 %, während die Investmentbanken im Schnitt nur mit 1,38 % rechnen. Alle Umfrageteilnehmer sehen in einer weiteren Euro-Aufwertung das größte Risiko für die Leitzinsprognosen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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