Economist-Titel
„Die deutsche Sicht ist verzerrt und selbstgefällig“

Deutschland sollte mehr Führungsstärke in Europa zeigen, argumentiert die britische Wirtschaftszeitung „Economist“ in ihrer Titelgeschichte. Hierfür müsse es jedoch seine traditionellen Sichtweisen überwinden.
  • 21

In ihrer Titelgeschichte setzt sich die britische Wirtschaftszeitung Economist kritisch mit der Rolle Deutschlands in Europa auseinander. Die Autorin Zanny Minton Beddoes beschreibt, dass Deutschland zum wirtschaftlichen Hegemon Europas geworden sei. Damit gehe eine große Führungsverantwortung einher, der Deutschland nicht gerecht werde, argumentiert sie.

Die Ursache dafür sieht Minton Beddoes in einer falschen Sichtweise, die sich in Deutschland durchgesetzt habe. Statt eigene Probleme anzupacken, werde mit dem Finger auf andere Länder gezeigt. Viele deutsche Politiker seien der Auffassung, die anderen Länder Europas müssten so werden wie Deutschland, um aus der Krise zu kommen. Das jedoch sei aus drei Gründen ein Trugschluss:

1. Historisch falsch

Deutschland sei nicht durch eine Sparpolitik stark geworden, sondern durch die Strukturreformen der Agenda 2010. Als es 2003 den Arbeitsmarkt liberalisierte, habe Deutschland gegen die Maastricht-Kriterien verstoßen. Damals habe es sich zu Recht für Strukturreformen entschieden und die Haushaltsvorschriften vernachlässigt. Zudem sei der Erfolg nicht allein auf Reformen und Sparsamkeit zurückzuführen, sondern auch auf den schwachen Euro. Außerdem habe Deutschland Glück gehabt, dass seine klassischen Produkte wie Autos, Maschinen und Chemikalien in China und anderen aufstrebenden Ländern so stark nachgefragt würden.

2. Zu stark auf Regeln fixiert

Deutsche Politiker würden eher auf die Einhaltung von Regeln und Prinzipien achten, als Probleme zu lösen. Ein Beispiel hierfür sei die Bankenunion. Es gebe unter Ökonomen einen breiten Konsens, dass eine Bankenunion nötig sei. Deutschland zögere aber und argumentiere plötzlich, dass es keine rechtliche Grundlage für eine gemeinsame Bankenabwicklung gebe.

3. Selbstgefällig

Es stimme nicht, dass Südeuropa die alleinige Verantwortung für die Krise trage. „Zwischen Merkels Besessenheit, die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu verbessern, und der Reformmüdigkeit im eigenen Land klafft eine Lücke,“ schreibt Minton Beddoes. Die deutsche Wirtschaft sei „überaus unausgeglichen“. Ein wichtiger Beweis dafür sei der Leistungsbilanzüberschuss von sieben Prozent der Wirtschaftsleistung. Das sei kein Ausweis wirtschaftlicher Stärke sondern Ausdruck für einen unnötig niedrig gehaltenen Lebensstandard und mangelnde Investitionen.

Das Fazit im Economist: Deutschland muss von der heutigen „kleinstaatlichen Zauderei“ abrücken und mutiger werden. Dabei sieht Minton Beddoes drei Prioritäten: Erstens müsse Deutschland eine Bankenunion vorantreiben, um die Kreditklemme in Südeuropa zu bekämpfen. Zweitens sollte es für Wachstumsimpulse in Europa eintreten. Drittens müsse es seine Wirtschaft stärker ins Gleichgewicht bringen. Reformen, die staatliche und private Investitionen förderten, seien gut für Deutschland und Europa.

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

Kommentare zu " Economist-Titel: „Die deutsche Sicht ist verzerrt und selbstgefällig“ "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Eine andere Sichtweite will England von den Deutschen zur Lösung des Problems sehen. Führende Politiker Englands wollen verkünden den totalen Krieg gegen Germany: we must have a new -Dresden desaster- like 1945.

  • 2+4

  • Deutschland ist ein besetztes Land !!! Wir brauchen zunächst einen Friedensvertrag !! Und bist dahin die Füße stillhalten !!!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%