Finanzkrise
„China braucht ein neues Wachstumsmodell“

China wird seine Wirtschaft mit Konjunkturprogrammen für ein bis zwei Jahre auf Wachstumskurs halten können. Diese Einschätzung erläuterte der stellvertretende Chefvolkswirt der Asian Development Bank (ADB), Joseph Zveglich, im Gespräch dem Handelsblatt.

FRANKFURT. "Die wirkliche Gefahr besteht darin, dass es innerhalb der bestehenden Handelsabkommen zu Protektionismus kommt", sagte Zveglich. "Das wäre letztlich selbstzerstörerisch."

Mit dem Einbruch der Konjunktur in Japan und den USA war die Nachfrage nach chinesischen Exporten drastisch eingebrochen. Die Regierung in Peking beschloss bereits im November 2008 Konjunkturhilfen von umgerechnet 450 Mrd. Euro, mit Infrastrukturprojekten als Schwerpunkt. Die Hilfen scheinen schon zu wirken. Die weltweit drittgrößte Wirtschaftsnation hat gerade für das erste Quartal eine Wachstumsrate von 6,1 Prozent bekannt gegeben.

Gleichwohl wird China ebenso wie die anderen stark exportorientierten asiatischen Staaten ein neues Wachstumsmodell brauchen, das sie weniger abhängig von der Auslandsnachfrage macht, sagte Zveglich. Seit der Asienkrise vor neun oder zehn Jahren habe sich zunehmend ein Ungleichgewicht aufgebaut - mit anhaltend hohen Leistungsbilanzüberschüssen asiatischer Staaten auf der einen Seite und einem dauerhaft hohen Leistungsbilanzdefizit der USA auf der anderen. "Für diese Entwicklung gibt es Grenzen. Das ist auf Dauer nicht tragbar", erklärte Zveglich. Die Ungleichgewichte sind für ihn eine der Ursachen der aktuellen Wirtschaftskrise.

Einen Ausweg sieht Zveglich darin, die Sparquote der privaten Haushalte in den asiatischen Staaten zu senken. Die Menschen sparten viel, weil der Staat etwa für die soziale Sicherung, die Ausbildung der Kinder, das Gesundheitswesen oder das Alter nicht ausreichend Vorsorge treffe. Indem der Staat diese Aufgaben besser wahrnehme, könne Geld für den Konsum freigesetzt werden. Insbesondere in China müsse man zudem bei den Unternehmen ansetzen. Gleichgültig ob privat oder im Staatsbesitz, neigten sie dazu, ihre Gewinne nicht auszuschütten, sondern zu reinvestieren. "Vor allem die staatlichen Unternehmen sollten aber ihre Überschüsse dem Steuerzahler zurückgeben", riet Zveglich.

Eine Finanzkrise, wie sie die meisten westlichen Staaten ergriffen hat, diagnostiziert der Ökonom für China nicht. Die Banken hätten in ihren Bilanzen praktisch keine toxischen Wert- oder Hypothekenpapiere. Sie seien auch so gut wie gar nicht bei Lehman Brothers oder in anderen fragwürdigen Aktiva engagiert gewesen. Die Banken hätten auch keine Probleme, sich in heimischer Währung zu refinanzieren. Lediglich die Beschaffung von Mitteln in ausländischen Währungen sei schwieriger geworden. Auslandskredite hätten aber bei weitem nicht mehr den Stellenwert wie zu Zeiten der Asienkrise.

Den jüngsten Vorschlag des chinesischen Notenbankgouverneurs, den Dollar als internationale Leit- und Reservewährung durch einen Währungskorb zu ersetzen, hält Zveglich für Zukunftsmusik. "Das ist eine interessante Idee. Sie dürfte aber auf absehbare Zeit nicht umsetzbar sein", sagte er. Im übrigen Asien sei der Vorschlag gar nicht aufgegriffen worden. Zudem seien Ablösungen von Reservewährungen sehr langwierige Prozesse. Das habe der Übergang vom britischen Pfund auf den Dollar gezeigt. Es dauerte rund dreißig Jahre, bis der Dollar das britische Pfund an den Märkten als vorherrschende Währung verdrängt hatte.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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