Finanzkrise
„Der Abschwung hat begonnen“

Der Chef der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, William White, ist sich sicher, dass die Finanzkrise noch lange nicht ausgestanden ist. Im Handelsblatt-Interview spricht er über die tieferen Ursachen der Finanzkrise, die Gefahr einer dynamischen Abwärtsspirale in der Realwirtschaft und die Herausforderungen für Zins- und Fiskalpolitik.

Handelsblatt: Herr White, hat die Finanzkrise Sie überrascht?

White: Es gab bei uns niemanden, der erstaunt war, als die Probleme auftraten. Wir hatten uns in unserem Jahresbericht 2006 mit all den Ungleichgewichten auseinander gesetzt, die sich aufbauten und waren zu dem Schluss gekommen: Das Ganze wird in abrupten Marktturbulenzen oder aber in einer langwierigen Wachstumsschwäche enden. Es gab dann die Turbulenzen. Aber der Auslöser lässt sich nie genau bestimmen. Man weiß nur: Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist das Untragbare nicht mehr tragbar.

Gab es für Sie denn nichts Unvorhergesehenes?

Doch, durchaus. Zum Beispiel hatten uns Vertreter der Finanzwirtschaft versichert, es werde in ihrem Bereich keine Probleme geben, so lange sich die reale Wirtschaft nicht abkühle. Das war falsch. Unzutreffend war auch die Behauptung, es treffe zuerst die Hedge-Fonds und die Volkswirtschaften der Emerging Markets, während die Banken nichts zu befürchten hätten. Besonders überrascht hat dann aber die Geschwindigkeit, mit der sich die Banken plötzlich in der Frontlinie befanden. Und die alte Erkenntnis, dass der Interbanken-Markt eine potentielle Quelle systemischer Schwäche ist, war völlig von den Radarschirmen verschwunden.

Ist die Krise mit der Vorlage der Bankbilanzen ausgestanden?

Das glauben diejenigen, die hinter den Turbulenzen an den Finanzmärkten im Wesentlichen ein Liquiditätsproblem sehen. Sie gehen davon aus, dass es sich auflösen wird, sobald die testierten Bankbilanzen vorliegen und klarer wird, wo die Risiken wirklich liegen. Demnach wird ein höheres Maß an Transparenz genügen, um das Liquiditätsproblem zu lösen.

Teilen Sie diese Meinung?

Ich denke, das Problem liegt tiefer. Die Banken stellen in Frage, dass ihre Kapitalausstattung noch angemessen ist. Das ist ernster als das Liquiditätsproblem. Das ist ein Nebenprodukt einer langen Expansionsphase, von Verschuldung und in manchen Fällen unverblümter Spekulation. Das müssen die Banken besser unter Kontrolle bringen.

Und wie?

Ein Ausweg sind schärfere Konditionen für neue Kredite. Man kann das schon beobachten, in den USA und auch in Europa. Man kann nur hoffen, dass die Bedingungen für die Kreditvergabe nicht zu restriktiv werden. Die Wirkungskette liegt auf der Hand: Es wird schwieriger, Kredite aufzunehmen, das erschwert den Konsum, also wächst die Wirtschaft langsamer, darunter leiden die Banken, sie machen Verluste und brauchen mehr Kapital. Das ist ein dynamischer Abschwungprozess.

Wie wahrscheinlich ist der?

Er hat schon begonnen. Die Frage ist nur, wie scharf er sein wird. Darauf hat im Moment niemand eine Antwort. Viel hängt davon ab, wie sich die Vermögenspreise entwickeln.

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