Finanzpolitik
Die Stunde der Notenbanken

So viel ist schon sicher: Den entscheidenden Fehler, den die Zentralbanken in der Großen Depression gemacht haben, wiederholen sie in der aktuellen Finanzkrise nicht. Damals führten sie die Liquidität zurück. Diesmal werden die Finanzmärkte regelrecht mit Geld überschwemmt. Die Notenbankzinsen befinden sich geradezu im freien Fall.

FRANKFURT . Die US-Notenbank Fed hat Mitte Dezember ihren Leitzins auf null gesenkt. Die Bank of England (BoE) könnte nach Aussage ihres stellvertretenden Gouverneurs, Charlie Bean, dem amerikanischen Beispiel folgen. Die Bank of Japan (BoJ) hat am Freitag vor Weihnachten ihren Schlüsselzins auf 0,1 Prozent zurückgenommen. Bei weiterer Verschlechterung der Wirtschaftslage ist möglicherweise auch die Europäische Zentralbank (EZB) gezwungen, ihren Leitzins von derzeit 2,5 Prozent weiter zu senken - selbst Bundesbank-Chef Axel Weber schließt einen Zins von unter zwei Prozent nicht mehr aus.

Aber nicht nur in den USA und in Europa versuchen die Notenbanken, sich der Finanzkrise und den Einbrüchen in der Wirtschaft entgegenzustemmen. China lockerte mehrfach die Zinszügel, zuletzt auf 5,31 Prozent. Thailand, Australien und Neuseeland beschlossen ebenfalls drastische Senkungen.

Volkswirte äußern sich anerkennend zum Krisenmanagement der Notenbanken. "Sie haben den Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert, indem sie ihrer Aufgabe als ,Kreditgeber der letzten Instanz? nachgekommen sind", sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank. "Die Notenbanken haben einen guten Job gemacht", lobt auch Michael Schubert, Notenbankexperte der Commerzbank. "Ohne die Maßnahmen der Notenbanken würde es den Finanzinstituten und der Wirtschaft insgesamt noch viel schlechter gehen."

Auch nach Ansicht von Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz und Dresdner Bank, haben die Zentralbanken ihre Sache gut gemacht. "Alle Notenbanken mussten auf Sicht fahren, und das haben sie gut hingekriegt", sagt Heise. Sofern es anfängliche Fehleinschätzungen gegeben habe, seien sie sehr schnell korrigiert worden. Vor allem die BoE war anfänglich davon ausgegangen, dass es nicht nötig sei, den Finanzinstituten mit zusätzlicher Liquidität unter die Arme zu greifen. Die EZB habe lange geglaubt, das von ihr akzeptierte Spektrum notenbankfähiger Sicherheiten reiche aus, sagt Heise. Unter dem Druck der Krise habe sie es dann aber doch erweitert.

Für Heise steht fest, dass der Vertrauensschwund an den Märkten ohne die Aktionen der Notenbanken noch größer gewesen wäre, als er ohnehin schon ist. "Aber auch die Notenbanken haben die Ausweitung der Krise von einem Marktsegment auf das nächste nicht verhindern können", schränkt er ein. Überhaupt dürfe man von der Geldpolitik in Krisenzeiten nicht zu viel erwarten. "In einer Finanz- und Bankenkrise ist die Geldpolitik kein besonders scharfes Schwert", befürchtet Heise. Allein könne die Geldpolitik die Wende nicht herbeiführen. Sie schaffe aber günstige Bedingungen für die Finanzpolitik. Und die Kombination aus niedrigen Zinsen und expansiver Fiskalpolitik dürfte nach Ansicht des Ökonomen "kraftvoll wirken".

Auch für Mayer wird die Geldpolitik mit Blick auf die Konjunkturbelebung nur wenig ausrichten können. "Ihre Aufgabe ist es, die Finanzstabilität zu wahren", sagt er. Nach Ansicht von Schubert sind die Notenbanken nicht einmal in der Lage, viel gegen die Finanzkrise auszurichten. Insbesondere die Anspannungen am Geldmarkt könnten sie nicht prinzipiell auflösen, nur die Symptome mildern.

Es sei auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt immer noch nicht sicher, wie groß der Liquiditätsbedarf einzelner Banken tatsächlich sei, erklärt Schubert. Durch die Krise bedingt könne es zu weiteren Ausfällen und Neubewertungen in den Bankbilanzen kommen, die zusätzliche Liquidität erforderten. Auch das sogenannte Gegenparteienrisiko sei nicht geklärt: Banken räumen sich untereinander nur zögerlich Kredite ein, weil sie nicht wissen, ob die Kredite zurückgezahlt werden. "Indem die Notenbanken zusätzliches Geld zur Verfügung stellen, lösen sie diese Probleme nicht", sagt Schubert. Er befürchtet auch, dass die Zinssenkungen der EZB nicht wie sonst üblich innerhalb von rund vier Quartalen wirken. "Wegen der Anspannungen am Geldmarkt könnte das jetzt länger dauern und die Wirkungen könnten schwächer ausfallen", sagt er.

Wie es nach dem Jahresende weitergeht, wagt Schubert nicht zu vorauszusagen: "Bisher waren alle Prognosen zu optimistisch." Gleichwohl könnte sich ein Teil der Probleme am Geldmarkt lösen, wenn die Banken erst ihre Jahresabschlüsse hinter sich gebracht haben. Das Jahresende ist traditionell mit einem hohen Liquiditätsbedarf verbunden. Ein kleiner Hoffnungsschimmer könnte auch sein, dass sich zumindest vorübergehend die Beträge zurückgebildet haben, die die Banken über Nacht in der sogenannten Einlagenfazilität bei der EZB parken. Sie erreichten in den letzten Tagen zwar fast wieder 200 Mrd. Euro, blieben aber dennoch deutlich hinter ihren Höchstständen von fast 300 Mrd. Euro zurück. Positiv auf die Finanzmärkte abstrahlen dürfte auch der niedrigere Ölpreis.

Für viele Beobachter besteht aber dennoch überhaupt kein Grund zu Optimismus. Besonders die Mitteilung der Fed vom 16. Dezember gibt Anlass zur Sorge. Mit einer Herabsetzung ihres Leitzinses auf de facto null hat sie nicht nur ihren zinspolitischen Spielraum ausgereizt. Sie hat auch eine notfalls ungehemmte Geldschöpfung angekündigt.

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