In der Euro-Zone fehlt es an Dynamik
Eurokonjunktur-Indikator signalisiert für Mitte 2005 Stillstand

Die Konjunktur in der Euro-Zone tritt in der zweiten Jahreshälfte auf der Stelle. Das ist das Ergebnis des Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikators im Mai.

doh DÜSSELDORF.Das Barometer signalisiert für das zweite und das dritte Quartal jeweils einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,8 Prozent in gleitender Jahresrate nach 1,9 Prozent im ersten Vierteljahr 2005.

"Sollten die kommenden Monate nicht eine spürbare Belebung von Nachfrage und Produktion bringen, dann müsste sogar ein erneutes Abkippen der Eurokonjunktur befürchtet werden", sagt Ulrich van Suntum, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Münster. Der Ökonom hat den Eurokonjunktur-Indikator für das Handelsblatt entwickelt und berechnet ihn jeden Monat neu. Er geht davon aus, dass der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator im weiteren Verlauf dieses Jahres noch etwas sinken wird.

Van Suntums aktuelle Schätzung von 1,8 Prozent beruht hauptsächlich noch auf einem Basiseffekt auf Grund der vergleichsweise guten Konjunkturentwicklung um die Jahreswende. Inzwischen seien diese Auftriebskräfte aber wieder weitgehend erlahmt. Man dürfe sich von dem optisch derzeit noch ganz achtbar erscheinenden Wachstumsniveau nicht täuschen lassen - es lebe "gewissermaßen von den Meriten der Vergangenheit", warnt van Suntum. "Die eigentliche Konjunkturdynamik, auf die es letztlich ankommt, ist dagegen derzeit praktisch zum Erliegen gekommen."

Nicht nur van Suntum rechnet mit einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Entwicklung in der Euro-Zone - Anfang dieser Woche senkten einige Banken und Institutionen ihre Wachstumsprognosen. Die Investmentbank Goldman Sachs reduzierte ihre Schätzung für das Währungsgebiet im laufenden Jahr von 1,4 Prozent auf 1,1 Prozent und für das kommende Jahr von 1,9 Prozent auf 1,7 Prozent. Ihre nach unten gesenkten Prognosen werten die Banker als ein Zeichen für eine wenig optimistische weltwirtschaftliche Perspektive. Zudem sei die Inlandsnachfrage in Euroland zu gering, um der Flaute entgegen zu wirken. "Europa steckt mitten in einer industriellen Abschwächung."

Die Ökonomen von Morgan Stanley senkten ihre Prognose für den Euro-Raum ebenso: Für das laufende Jahr um 0,4 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent, für das kommende um 0,2 Prozentpunkte auf 2,0 Prozent. Auch Credit Suisse reduzierte ihre Schätzung für dieses und da kommende Jahr. 2005 rechnet die Schweizer Bank nur noch mit einem BIP-Anstieg von 1,0 Prozent, 2006 mit 1,3 Prozent Wachstum.

Die Kommission der Europäischen Union sowie der Internationale Währungsfonds (IWF) blicken ebenfalls wenig optimistisch in das laufende Jahr: Sie prognostizieren für 2005 ein Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone von 1,6 Prozent. Darauf läuft nach Ansicht van Suntums letztlich auch die Prognose im Frühjahrsgutachten der Forschungsinstitute hinaus. Die dort genannte Rate von 1,4 Prozent müsse in saisonbereinigter Rechnung um rund 0,2 Prozentpunkte höher ausfallen, weil das laufende Jahr etwas weniger Arbeitstage als 2004 hat.

Die Liste der Ursachen für den Pessimismus der Ökonomen ist lang. Van Suntum beklagt vor allem, die Industrieproduktion in Euroland pendele seit einem guten halben Jahr um ein insgesamt unverändertes Grundniveau und habe zuletzt wieder leicht nachgegeben. Wenig Hoffnung für eine Konjunkturbelebung in der nächsten Zeit geben laut van Suntum auch die Auftragseingänge: Nachdem sie Ende 2004 deutlich angestiegen waren, brachen sie inzwischen ebenso stark wieder ein.

Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator besteht aus fünf konjunkturrelevanten Einzelkomponenten der Euro-Zone. Die aktuellen Entwicklungen:

Das Industrievertrauen im Euro-Raum (Gewicht: fünf Prozent) ist im April zum fünften Mal in Folge im Vormonatsvergleich gesunken: von minus acht auf minus neun Punkte. Besonders stark fiel der Rückgang in Deutschland wie schon in den Vormonaten aus: von minus elf auf minus 13 Punkte im Vergleich zum März. Die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe sank im zweiten Quartal weiter von 81,9 Prozent auf nur noch 80,9 Prozent.

Das Konsumentenvertrauen (Gewicht: 24 Prozent) hat sich im April erstmals wieder leicht erholt - mit minus 13 Zählern liegt es aber immer noch unter seinem langjährigen Durchschnittswert von minus zwölf Punkten. Die Konsumenten in der Euro-Zone schätzten die allgemeine wirtschaftliche Lage nochmals schlechter ein als im Vormonat.

Die Industrieproduktion (Gewicht: 29 Prozent) ist im Februar saisonbereinigt um 0,5 Prozent im Vergleich zu Januar gesunken. In den beiden Monaten davor war sie gegenüber dem Vormonat um jeweils 0,3 Prozent gestiegen. Wegen der guten Entwicklung im Verlauf des ersten Halbjahres 2004 liegt die Produktion aber immer noch um 0,6 Prozent über ihrem entsprechenden Vorjahresstand. In den vergangenen sechs Monaten ist sie im Trend aber nicht mehr angestiegen.

Die Geldmenge M1 (Gewicht: 23 Prozent) ist im März um 9,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Bereits im Januar und Februar ist die Zuwachsrate deutlich nach oben geklettert. Die Geldmenge M1 umfasst Bargeld und täglich fällige Guthaben bei Banken.

Die Auftragseingänge bei der Industrie (Gewicht: 19 Prozent) sind im Februar erneut um 2,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat gesunken. Noch im Januar hatten die neuen Bestellungen um fast sieben Prozent über dem entsprechenden Stand des Vorjahres gelegen, jetzt sind es nur noch 2,9 Prozent. Damit haben sich die Hoffnungen auf eine Nachfragebelebung in diesem Jahr zerschlagen.

Definition: Der Indikator soll frühzeitig Wendepunkte der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung anzeigen und läuft ihr etwa drei Monate voraus. Referenzgröße ist die gleitende Jahresrate des realen Bruttoinlandsprodukts. Das ist die Veränderung in den vergangenen vier gegenüber den vorherigen vier Quartalen.

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