Trotz Turbulenzen
Deutschland könnte Rezession knapp entgehen

Trotz der Turbulenzen an den Finanzmärkten könnte Deutschland knapp um eine Rezession herumkommen. Der Handelsblatt-Barclays-Indikator zeigt für das dritte Quartal eine Stabilisierung an. Mit Spannung wird das Herbstgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwartet, das kommenden Dienstag vorgestellt wird.

DÜSSELDORF. Überraschend günstige Daten zur Produktion und den Auftragseingängen in der Industrie im August deuten darauf hin, dass die Konjunktur im Spätsommer stagniert hat, aber nicht weiter abgestürzt ist. Auch der Einzelhandel hatte zuletzt überraschend gute Ergebnisse gemeldet. Ökonomen sprechen von einer Rezession, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge sinkt. Von April bis Juni war das Bruttoinlandsprodukt um einen halben Punkt geschrumpft.

„Für das gerade begonnene vierte Quartal ist angesichts der Finanzmarktturbulenzen mit einem erneuten Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent zu rechnen“, sagte Barclays-Ökonom Nick Matthews, der den Handelsblatt-Indikator berechnet. Erst in 2009 sei dann eine allmählichen Erholung zu erwarten; die deutsche Wirtschaft werde real um 0,7 Prozent wachsen – fast doppelt so stark wie die gesamte Euro-Zone.

Nachdem bereits die Auftragseingänge besser ausgefallen waren als erwartet, überraschten gestern auch die Daten zur Industrieproduktion, die im August um 3,4 Prozent gegenüber Juli zulegte. Das ist der stärkste Zuwachs seit August 1993. Zudem wurde der Vormonatswert leicht von zunächst gemeldeten minus 1,8 auf minus 1,6 Prozent nach oben revidiert. Im Vergleich zum Vorjahr lag die Produktion damit im August um 1,7 Prozent höher, meldete das Bundeswirtschaftsministerium. Als möglichen Grund nannte das Ministerium, dass die Produktionsdaten von einer unterdurchschnittlichen Zahl von Ferientagen überzeichnet seien könnten.

Mit Spannung wird jetzt das Herbstgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwartet, das am Dienstag vorgestellt wird. Ende kommender Woche wird dann Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) die Prognose der Bundesregierung präsentieren, die Basis für die Steuerschätzung ist. Vor den Exzessen an den Finanzmärkten der letzten Tage ging die Regierung intern noch von rund einem halben Prozent Wachstum in 2009 aus. Die Folgen der jüngsten Turbulenzen für die Wachstumsprognose würden derzeit noch diskutiert, hieß es gestern in Regierungskreisen.

„Die Lage ist nicht so schlecht, wie sie die Hiobsbotschaften von den Finanzmärkten vermuten ließen“, sagte der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) – seit einem Jahr nicht mehr am Herbstgutachten beteiligt – zeigte sich verhalten zuversichtlich: „Was wir im Augenblick in der Wirtschaft sehen, sind zwei Welten“, sagte DIW-Präsident Klaus Zimmermann. So gebe es eine der heftigsten Finanzmarktkrisen der vergangenen Dekaden – und daneben die reale Welt, die weiter funktioniere. „Wir halten daher an einer insgesamt optimistischen Prognose für Deutschland fest.“ Das DIW erwartet 2009 ein Prozent Wachstum.

Der Bankenverband warnte ebenfalls vor Schwarzmalerei: „Auch wenn sich die Perspektiven für die Weltwirtschaft merklich eingetrübt haben, ist eine globale Rezession nach wie vor nicht zu befürchten“, sagte der Vorsitzende Manfred Weber. Der Verband halbierte seine Wachstumsprognose für 2009 auf nunmehr 0,5 Prozent.

Konjunkturbarometer

Das Handelsblatt veröffentlicht sein Konjunkturbarometer monatlich. Der Handelsblatt-Barclays-Indikator schätzt das reale Wirtschaftswachstum für das Quartal, für das noch keine amtlichen Wachstumsdaten vorliegen. Mit dem exklusiv für diese Zeitung berechneten Indikator will die britische Bank das aktuelle Wirtschaftswachstum deutlich früher als die amtlichen Statistiken beziffern. Das Statistische Bundesamt wird am 13. November Auskunft über die Wirtschaftsentwicklung im dritten Quartal geben.

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