Handelsblatt-Interview
„Der Staat muss radikal eingreifen“

Der renommierte US-Ökonom Nouriel Roubini sieht die Folgen der Finanzkrise lange noch nicht bewältigt. Im Handelsblatt-Interview sagt er eine schwere Rezession in Amerika voraus, die auch Deutschland und den Rest der Welt in Mitleidenschaft ziehen wird. Zugleich geht Roubini hart ins Gericht mit dem Krisenmanagement der Notenbanken und fordert die Regierung zum Handeln auf.

Herr Roubini, befindet sich die amerikanische Wirtschaft bereits in einer Rezession?

Ja, wir befinden uns seit Dezember oder Januar in einer Rezession. Die Diskussion dreht sich jetzt darum, ob wir eine harte oder eine weiche Konjunkturlandung erleben werden.

Was glauben Sie?

Ich denke, dass die Rezession mindestens vier Quartale dauern wird. Vielleicht sogar bis zur Mitte nächsten Jahres. Im Vergleich zu dem sehr milden Abschwung im Jahr 2001 schätze ich die wirtschaftliche Lage heute als wesentlich schlechter ein.

Was macht diesen Abschwung so gefährlich?

Es sind drei Faktoren: die Krise auf dem Immobilienmarkt, die Konsumschwäche und die prekäre Lage des Finanzsystems. Aus diesen Gründen wird die Flaute diesmal härter werden und länger anhalten.

Ist auf dem Häusermarkt noch keine Entspannung in Sicht?

Nein, wir befinden uns mitten in der größten Immobilienkrise seit der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er-Jahre. Und die Lage verbessert sich nicht, sondern wird noch schlimmer. Ich rechne damit, dass die Hauspreise insgesamt um 30 Prozent fallen werden. Das wird das Vermögen vieler US-Haushalte auslöschen und sie in finanzielle Schwierigkeiten bringen. Spüren werden das auch die Banken, wenn die Kreditausfälle zunehmen.

Die Finanzkrise ist also noch nicht vorüber?

Nein, es handelt sich nicht mehr nur um ein Subprime-Problem. Die Krise hat sich längst auf Hypotheken mit besserer Bonität ausgeweitet und greift jetzt auch auf Kreditkarten, klassische Konsumentenkredite, Autofinanzierungen und Firmendarlehen über.

Welchen Verlauf wird der Abschwung haben?

Die Mehrheit der Ökonomen glaubt an einen V-förmigen Verlauf – also eine relativ kurze Rezession, gefolgt von einem schnellen Aufschwung. Ich sehe dagegen eher einen U-förmigen Verlauf mit einer langen Talsohle voraus.

Aber wird nicht das Konjunkturprogramm der US-Regierung die Wirtschaft wieder beleben?

Allenfalls wird es in der zweiten Jahreshälfte eine leichte Erholung geben. Danach werden wir jedoch wieder in eine Rezession zurückfallen.

Gibt es historische Vorbilder für die heutige Wirtschaftskrise in den USA – etwa die Depression in Japan während der 90er-Jahre?

Nein, die Situation ist mit der lang anhaltenden Stagnation in Japan nicht vergleichbar. In Japan wurden viele wirtschaftspolitische Fehler begangen. Hier hat die Notenbank dagegen aggressiv gegengesteuert. Dennoch rechne ich mit einer der schwersten Wirtschaftskrisen der letzten Jahrzehnte.

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