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Alfred Boss: Schlechtes Gewissen der Republik

Alfred Boss vom Institut für Weltwirtschaft jongliert wie kein zweiter mit endlosen Zahlenkolonnen zu allen Details der Staatsfinanzen. Dass er sich damit in Berlin nicht nur Freunde macht, liegt auf der Hand: Für Finanzminister Peer Steinbrück ist er ein "Untergangsprophet und Krisenprediger".

Wie kaum ein Zweiter jongliert er mit endlosen Zahlenkolonnen zu allen Details der Staatsfinanzen. Wie entwickeln sich die Steuereinnahmen? Was machen die Finanzen der Sozialkassen? Wie viel Geld verplempert der Staat mit Subventionen? Meist nur ein paar Mausklicks später - und Alfred Boss vom Institut für Weltwirtschaft hat die gewünschte Zahl parat.

Dass er sich damit in Berlin nicht nur Freunde macht, liegt auf der Hand. Als "Untergangsprophet und Krisenprediger" bezeichnete ihn Finanzminister Peer Steinbrück in seiner Haushaltsrede am 16. September, zwei Tage nach der Lehmann-Pleite. "Der Finanzexperte eines Kieler Instituts bietet sich gern und regelmäßig als Kronzeuge dafür an, dass eine Wirtschaftszeitung mit der Behauptung aufmacht: ?Steinbrück verfehlt das Etatziel?", schimpfte der Finanzminister. Was dann kam, ist bekannt: Bankenrettung, Konjunkturpaket I und II.

"Alles Geldverschwendung", wird Boss heute zu Abwrackprämie, Kinderbonus oder Krankenkassenzuschuss im Haushaltsausschuss des Bundestages sagen. "Die Finanzpolitik sollte nur solche Maßnahmen ergreifen, die das Wachstum fördern und die mittelfristig ohnehin sinnvoll sind. Werden sie kreditfinanziert vorgezogen, können sie die Rezession mildern. Dabei muss jedoch klargestellt werden, dass mittelfristig die Staatsverschuldung nicht steigt", fordert Boss in seiner Stellungnahme.

Sein Misstrauen gegenüber dem Staat wurde ihm keineswegs schon in seiner Ausbildung eingetrichtert. Im Gegenteil: Während seiner Studienzeit Ende der 60er-Jahre in Frankfurt waren ganz andere Parolen modern. "Die Staatsgläubigkeit nahm rapide zu", erinnert sich Boss. Dann holte der Wirtschaftsweise Herbert Giersch den jungen Volkswirt 1976 vom Main an die Kieler Förde: "Mir ging auf, dass das mit dem Interventionismus vielleicht doch kritisch zu sehen ist." Und dieser Maxime ist Boss bis heute treu geblieben. Damit ist er so etwas wie das personifizierte schlechte Gewissen, das jede Bundesregierung haben sollte.

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