Industrieproduktion
„Auf die Wirtschaft kommt Drastisches zu“

Laut einer internen Analyse für EU-Industriekommissar Günter Verheugen sind Produktion und Absatz in vielen Industriesektoren der Europäischen Union drastisch gesunken. Marcus Kappler, Konjunkturforscher am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, deutet im Gespräch mit Handelsblatt.com die alarmierenden Zeichen.

DÜSSELDORF. Die Folgen der wirtschafts- und Finanzkrise werden immer drastischer: Verglichen mit dem Vorjahr ist die Industrieproduktion in der Euro-Zone im Dezember um zwölf Prozent zurückgegangen. Das ist das stärkste Minus seit Beginn der Eurostat-Datenerhebung 1990. Eine interne Analyse für EU-Industriekommissar Günter Verheugen, die dem Handelsblatt vorliegt, malt ein ähnlich düsteres Bild. Viele Industriesektoren sowie der Bau erführen den schlimmsten Einbruch seit Jahrzehnten, heißt es in dem Bericht. Marcus Kappler, Konjunkturforscher am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, beurteilt die Lage im Interview mit Handelsblatt.com ähnlich.

Herr Kappler, in dem EU-Bericht verkünden die hauseigenen Ökonomen aufgrund von Fallbeispielen einen beispiellosen Einbruch in der Industrieproduktion. Sind solche Analysen realistisch?

Leider ja. Allein die aktuelle Wirtschaftsstimmung in Eurozone befindet sich auf einer historischen Talfahrt. Der Economic Sentiment Index der EU-Kommission, der unter anderem das Industrie-, Dienstleistungs- und Verbrauchervertrauen berücksichtigt, ist auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1985. Das ist ein Signal dafür, wie die realwirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Quartalen verlaufen wird. Es gibt also alarmierende Zeichen, dass die Industrieproduktion weiter drastisch einbricht. Und wenn Industriekommissar Günter Verheugen sagt, Ausmaß und Geschwindigkeit der Krise seien völlig neu, dann hat er recht. Ich teile also die Sorge der EU-Kommission, dass noch Drastisches auf die europäische Wirtschaft zukommen wird.

Der Einbruch betrifft alle Industriesektoren. Gibt es besonders gebeutelte Branchen?

Sicherlich die Auto- und die Baubranche. Die deutsche Stahlbranche hat bereits für das vierte Quartal 2008 einen historischen Auftragseinbruch verzeichnet. Dass Experten nun davon ausgehen, dass in Europa 57 Prozent der Aufträge wegbrechen, ist nicht unbegründet. Die Branche ist allein mit seinen Spezialstahlen ein starker Teil der Auto-Wertschöpfungskette. Insgesamt geht die Nachfrage zurück, die Stahlpreise sinken. Erhebliche Überkapazitäten sind schon jetzt vorhanden. Zwar kann Kurzarbeit die Effekte etwas abfedern. Doch wenn die Krise länger andauert, werden viele Jobs verloren gehen.

Werden denn die Konjunkturpakete ihre erhoffte Wirkung entfalten?

Derzeit befinden sich alle im Blindflug. Niemand weiß, ob die Konjunkturpakete die Folgen der Finanzkrise in ausreichendem Maße mildern können. Äußerst bedenklich ist es allerdings schon jetzt, dass sich die Industriestaaten nicht ausreichend abstimmen. Das betrifft sowohl den Umfang der einzelnen Länderprogramme als auch das Timing. Einzelne Branchen - etwa die Autobranche - massiv zu begünstigen, dem stehe ich zwar ablehnend gegenüber. Generell ist der verfolgte Ansatz der Konjunkturstützung jedoch richtig.

Innerhalb der EU führen die milliardenschweren Konjunkturprogramme aber dazu, dass die Länder ihre Wirtschaft abschotten – ganz entgegen den Regeln des Binnenmarktes…

Das ist sehr negativ zu bewerten. Das ist keine Linie, die in der Krise verfolgt werden sollte. Würden die Konjunkturprogramme konzertiert verlaufen, bestünde gar kein Anlass für einen solchen Reflex. Anstatt sich in einen Wettbewerb um Autosubventionen zu stürzen, sollten die Mittel gleichmäßig verteilt werden. Es ist aber offensichtlich, dass es um politisch motivierte Aktivitäten geht, die wirtschaftspolitisch nicht besonders sinnvoll sind.

Gibt es denn Länder in der EU, die derzeit im Vorteil sind?

Es handelt sich um einen synchronisierten Einbruch. Das bedeutet: Alle sind in etwa gleich stark von der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen. Wer stark in der Autoproduktion engagiert ist – zum Beispiel Deutschland und Frankreich – ist etwas mehr unter Druck. Der Gleichlauf ist jedoch außergewöhnlich hoch.

Wann wird denn eine mögliche Wirkung der Rettungsprogramme überhaupt zu messen sein?

Das ist schwierig zu sagen. Zunächst müsste ein Tiefpunkt erreicht und eine Trendwende erkennbar sein. Dann wären zwei Prognose abzugeben: eine für die Wirtschaftsleistung ohne stützende Maßnahmen und eine, die solche berücksichtigt. Im Vergleich wäre eine mögliche Wirkung der Konjunkturprogramme und Rettungspakete abzulesen. Doch wann ist die Bodenbildung erreicht? Derzeit sind die Verlaufsmuster unbekannt.

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