Interview
Experte: „Ölpreis wird bis 2010 hoch bleiben“

Raghuram Rajan ist Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds. Mit ihm sprach Michael Backfisch.

Herr Rajan, der Ölpreisanstieg der letzten Jahre hat die Weltwirtschaft kaum beeinflusst. Warum?

Im Gegensatz zur Angebotsknappheit in den 70er-Jahren haben wir es heute mit einer dramatisch erhöhten Nachfrage zu tun. Zweitens verfügen die Zentralbanken, die auf hohe Ölpreise zum Teil mit einer raschen Anhebung der Leitzinsen reagiert haben, über sehr viel mehr Glaubwürdigkeit als damals. Und drittens hat das Verbrauchervertrauen bislang keinen Knick erlitten. Allerdings machen uns in diesem Jahr die Engpässe beim Angebot Sorgen.

Beim Rohöl oder beim Benzin?

Vor allem beim Benzin. Aber auch der Mangel an leichtem, schwefelarmem Rohöl, das in den Raffinerien Europas und Amerikas verarbeitet werden kann, bereitet uns Kopfzerbrechen.

Wohin marschiert der Ölpreis?

Er wird auf mittlere Sicht – zumindest bis 2010 – hoch bleiben. Wir haben es mit einem Dreiklang aus knappem Ölangebot bei starker Nachfrage und wenig Reservekapazitäten zu tun. Jeder Schock wie der Hurrikan Katrina kann große Auswirkungen haben.

Das heißt, ein Preis von 70 bis 80 Dollar pro Barrel ist realistisch?

Wenn man sich die Optionsgeschäfte anschaut, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit für Werte um 80 Dollar pro Barrel. Die Ölmärkte preisen das Potenzial für höhere Preise ein. Befürchtungen gibt es vor allem für den Fall, dass das Verbrauchervertrauen einbricht oder die Inflation plötzlich ansteigt.

In welchem Maße schmälert der Ölpreis das Wachstum?

Der IWF hat folgende Faustregel: Wenn der Ölpreis pro Jahr im Durchschnitt um zehn Prozent klettert, vermindert sich das Wachstum der Weltwirtschaft um etwa 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte.

Der IWF prognostiziert für Deutschland 0,8 Prozent Wachstum in 2005. Ist das Ergebnis der Bundestagswahl ein Indiz für die Reformunfähigkeit des Landes?

Das gespaltene Wählermandat bereitet uns Sorgen. Was in Deutschland getan werden muss, ist unter Ökonomen ziemlich unbestritten. Die Frage stellt sich nur, inwieweit die Öffentlichkeit mitzieht. Hier muss die Politik mehr Überzeugungsarbeit leisten. Nun ist es der Job der Parteien, einen gemeinsamen Nenner für zusätzliche Anstrengungen zu finden. Es ist außerordentlich wichtig, dass der Prozess fortgesetzt wird – schon allein, um die Früchte der bereits eingeleiteten Neuerungen zu ernten.

Welche Schritte empfehlen Sie als nächstes?

Das Hartz-IV-Gesetz hat die An-reize, eine Arbeit aufzunehmen, erhöht. Jetzt wären Reformen nötig, um die Nachfrage nach Arbeitskräften anzukurbeln. Es muss leichter werden, Betriebe zu gründen und dicht zu machen. Auch sollte der Kündigungsschutz gelockert werden. Dadurch werden Unternehmen schließlich ermuntert, mehr Leute einzustellen. Die Senkung der Sozialversicherungsbeiträge wirkt ebenfalls in diese Richtung.

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