Interview mit: Jürgen Stark
„Die Inflation macht mir Sorgen“

Nacher einer langen Politiklaufbahn, wurde Jürgen Stark 2002 zum Vizepräsidenten der Bundesbank bestellt. Mittlerweile im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) angekommen, ist der Diplomökonom bereits 100 Tage im Amt. Im Handelsblatt-Interview zieht Stark eine erste Bilanz.

Herr Stark, Sie sind seit 100 Tagen in der Europäischen Zentralbank (EZB). Wie gefällt es Ihnen?

Ausgezeichnet. Ich habe mich sehr schnell eingelebt. Zum einen hatte ich gar keine Zeit nachzudenken, denn unmittelbar nach meinem Start musste ich den EZB-Rat bei seiner auswärtigen Sitzung in Madrid auf die geldpolitische Diskussion einstimmen. Zum anderen ist die EZB für mich nicht völlig neu. Von den 189 Sitzungen, die der EZB-Rat bis Ende Mai gehalten hat, habe ich als Bundesbank-Vizepräsident an über 170 teilgenommen.

Wann können die Bürger im Euro-Raum eigentlich wieder mit Preisstabilität rechnen?

Wir gehen davon aus, dass die Inflationsrate auch in diesem und im kommenden Jahr deutlich über unserer Stabilitätsmarke von „unter, aber nahe zwei Prozent“ liegen wird – wegen des hohen Ölpreises und 2007 vor allem wegen der Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland um drei Prozentpunkte. Sie wird die Inflationsrate im Euro-Raum um rund 0,4 Prozent erhöhen. Wir können also wie in den Vorjahren sehr wohl begründen, warum wir unser Stabilitätsziel nicht erfüllen. Aber gegen externe Schocks kann eine Zentralbank wenig ausrichten.

Mit diesem Ergebnis können Sie doch nicht zufrieden sein, oder?

Ich bin nicht zufrieden. Doch hat die Glaubwürdigkeit der EZB bisher darunter nicht gelitten. Die Menschen trauen uns. Sie erwarten, dass wir Preisstabilität gewährleisten. Ich glaube, dass die Höhe der Inflationsrate in der öffentlichen Meinung in Zukunft mehr und mehr an Bedeutung gewinnen wird. Junge Menschen müssen zunehmend selbst für ihr Alter vorsorgen. Bei einer Teuerung von durchschnittlich 1,8 Prozent bleiben von 1 000 gesparten Euro in 30 Jahren real noch 568 Euro übrig. Bei einer Inflationsrate von 2,5 Prozent sind es nur 477 Euro.

Die Inflationserwartungen sind gestiegen. Befürchten Sie nicht, dass sie sich bei über zwei Prozent verfestigen?

Wir erhalten unterschiedliche Signale. Nach den qualitativen Umfragen der EU-Kommission scheinen die Inflationserwartungen kurzfristig angezogen zu haben. Nach der vierteljährlichen Umfrage der EZB, dem „Survey of Professional Forecasters“, sind sie langfristig nach wie vor fest verankert. Ich sehe aber das Risiko, dass sie sich auf höherem Niveau verfestigen, wenn sich an den Märkten fälschlicherweise der Eindruck durchsetzen sollte, dass die EZB auf Dauer eine Teuerung von über zwei Prozent toleriert.

Schon jetzt ist das Gefühl weit verbreitet, dass die Notenbanken inzwischen mehr auf das Wachstum als auf die Preisstabilität achten. Haben sich die Prioritäten geändert?

Ich kann nur aus Sicht der EZB und des EZB-Rates sprechen. Unser Mandat ist es, Preisstabilität zu gewährleisten. Daran hat sich nichts geändert, und daran wird sich auch nichts ändern. Und wir betonen immer wieder, dass das der beste Beitrag der Geldpolitik zu Wachstum und Beschäftigung ist.

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