Interview
Pierre Cailleteau: „Jeder braucht Exit-Strategie“

Der Chef der Länder-Rating-Sparte von Moody's macht sich Sorgen, dass die Regierungen den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der expansiven Fiskalpolitik verpassen. Mit ihm sprach Handelsblatt-Redakteur Dirk Heilmann.
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Handelsblatt: Herr Cailleteau, sollten die Regierungen jetzt aufhören, die Konjunktur zu unterstützen?

Pierre Cailleteau: Sie müssen mindestens erklären, wie sie ihre Haushalte konsolidieren wollen. Jedes Land braucht jetzt eine klare, glaubhafte Exit-Strategie, auch wenn es sie noch nicht umsetzen muss.

HB: Rächt es sich jetzt, dass die Regierungen die Wirtschaft so kräftig angekurbelt haben?

Cailleteau: Es war eine gute Politik, die Staatshaushalte und Zentralbank-Bilanzen zu erweitern, als die Krise vor einem Jahr ausbrach. Jetzt müssen die Regierungen aber gut überlegen, wie unorthodox sie weiterhin vorgehen wollen.

HB: Muss der Ausstieg nicht international koordiniert werden?

Cailleteau: Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte. Am besten definiert jedes Land seine eigene Exit-Strategie und setzt sie um. Das Schlimmste wäre doch, wenn alle zugleich den fiskalischen und monetären Stimulus beenden würden.

HB: Könnten die Staaten einen Rückfall in die Rezession mit neuen Bankenpleiten verdauen?

Cailleteau: Einige Länder könnten sich keine neue Bankenkrise leisten. Die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben noch außergewöhnliche finanzielle Spielräume, aber andere könnten in echte Schwierigkeiten geraten.

HB: Werden diese Länder in zwei Jahren noch ihr Aaa-Rating haben?

Cailleteau: Deutschland und Frankreich werden höchstwahrscheinlich noch mit Aaa bewertet sein. Die USA und Großbritannien auch, aber nur, wenn unsere Erwartung einer tatkräftigen politischen Reaktion erfüllt werden.

HB: Erwarten Sie, dass die EU schwache Länder wie Griechenland wird unterstützen müssen, um sie vor einem Bankrott zu bewahren?

Cailleteau: Wenn es die Gefahr gäbe, dass sich Griechenland für zahlungsunfähig erklären müsste, was im Moment nicht der Fall ist, glaube ich nicht, dass die EU das geschehen lassen würde. Sie hat gezeigt, dass sie schwache Mitglieder der Euro-Zone unterstützen würde. Langfristig allerdings könnte Griechenland ein isoliertes Land in stetigem Niedergang werden. Dann könnte man es in eine geordnete Zahlungsunfähigkeit gehen lassen, ohne einen Dominoeffekt befürchten zu müssen. Aber das ist kein Thema für die nächsten zehn Jahre.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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