Joachim Nagel
Jung, versiert, verlässlich

Weder Politiker noch Verlegenheitslösung – mit Joachim Nagel nimmt ein ausgewiesener Fachmann den Platz von Thilo Sarrazin im Vorstand der Bundesbank ein. Dennoch war der Aufstieg vom Zentralbereichsleiter kein Selbstläufer. Was die Personalie bedeutet.
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FRANKFURT. Er bringt eigentlich alles mit, was es für das Amt des Bundesbank-Vorstands braucht: Fachkenntnis, politischen Stallgeruch, internationale Erfahrung. Und Joachim Nagel kann sich sogar noch gut und verständlich ausdrücken. Der Aufstieg vom Zentralbereichsleiter in die Spitze der Bundesbank war dennoch kein Selbstläufer und hat Signalwirkung.

Bedanken könnte er sich dafür bei Thilo Sarrazin – und zwar nicht nur, weil dieser mit seinem Rücktritt einen Platz in dem sechsköpfigen Führungsgremium frei gemacht hat. Hätte die öffentliche Aufregung über Sarrazins Äußerungen der Politik nicht vor Augen geführt, wie gefährlich es sein kann, die Bundesbank als Verschiebebahnhof für verdiente oder lästige Politiker zu missbrauchen, Nagel hätte kaum je eine Chance auf dieses Amt gehabt.

Mit dem 44-Jährigen rückt jetzt erstmals ein „gelernter“ Bundesbanker in die Spitze der Notenbank auf. Und er ist mit Abstand das jüngste Vorstandsmitglied. Bislang war Nagel für die Verwaltung der Währungsreserven zuständig. Die Landesregierungen von Rheinland-Pfalz und Saarland, die diesmal einen neuen Bundesbanker benennen sollten, verzichteten darauf, ein politisch verdientes Landeskind auf den Prestigeposten zu hieven. Stattdessen schlugen sie den Fachmann vor.

Für Bundesbank-Präsident Axel Weber, der in der Sarrazin-Affäre wie ein Getriebener wirkte, ist die Nominierung Nagels ein diplomatischer Erfolg. Denn er hatte Sarrazin schon loswerden wollen, nachdem dieser vor einem Jahr das erste Mal mit provokanten Thesen an die Öffentlichkeit gegangen war. Webers Vorstandskollegen hatten aber nicht mitgezogen.

Dass fachliche Eignung und Kompetenz jetzt den Ausschlag gaben, war lange nicht sicher. Wie aus Bundesbankkreisen zu hören ist, habe deren Führung in zahlreichen Gesprächen mit den beteiligten Landesregierungen darauf gedrängt. Entsprechend betonten der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) und sein saarländischer Amtskollege Peter Müller (CDU) jetzt, dass die „hervorragende Fachkenntnis und erstklassiges Wissen über die Finanzmärkte“ für die Wahl ausschlaggebend gewesen seien.

Politisch steht Nagel der Sozialdemokratie nahe. Zwischen seinem Studium der Volkswirtschaftslehre in Karlsruhe und der Promotion am dortigen Lehrstuhl für Geld und Währung arbeitete er als Referent für den SPD-Parteivorstand in Bonn.

Nagel ist zudem Ziehkind des bekannten Bundesbankers Hans Helmut Kotz. Dieser holte ihn 1999 in die von ihm geleitete Landeszentralbank in Hannover. Als Kotz Bundesbankvorstand mit Zuständigkeit für Finanzmärkte wurde, nahm er Nagel 2003 mit nach Frankfurt, wo dieser bis 2008 zum Leiter der Märkte-Abteilung aufstieg.

Nagel ist nicht nur Fachmann: Er kann sein Wissen gut in Worte fassen. Für seine Doktorarbeit bekam er den vom SAP-Mitgründer gestifteten Klaus-Tschira-Preis für verständliche Wissenschaft.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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