Konjunktur-Ausblick
Wirtschaft muss noch auf die Wende warten

Morgen sind wir schon schlauer. Wenn das Bundeswirtschaftsministerium am Mittag die Daten zur Industrieproduktion im April veröffentlicht, ist zumindest klar, wie die deutsche Wirtschaft in das zweite Quartal gestartet ist. Bereits heute werden die Auftragseingänge und morgen früh die Exportzahlen für April veröffentlicht. Die drei wichtigsten harten Daten zur Lage der deutschen Wirtschaft liegen dann vor.

DÜSSELDORF. Leider sind weitere Dämpfer keineswegs ausgeschlossen. Gut möglich, dass die Industrieproduktion im zweiten Quartal abermals sinken wird, nicht zuletzt wegen des statistischen Unterhangs.

Dabei hat sich die gefühlte Wirtschaftsstimmung seit einigen Wochen verbessert. Die Börsen steigen, die Einkaufsmanager weltweit sind wieder zuversichtlicher, einige Großbanken melden Gewinne, und ein Großteil der Altlasten aus der Finanzkrise wird in Form von Staatsschulden auf die künftigen Steuerzahler abgeladen. Nur noch selten sind Vergleiche zur großen Depression Ende der 20er-Jahre zu lesen, und die gedruckten Hoffnungen auf eine Ende der Weltrezession mehren sich von Tag zu Tag. Doch ist der Spuk wirklich vorbei?

Nein – es sei denn, man fängt schon an zu frohlocken, wenn die Wirtschaftsleistung langsamer fällt als in den letzten beiden Quartalen. Denn tatsächlich wird das Bruttoinlandsprodukt wohl auch im zweiten Quartal fallen, trotz Nachholeffekten der Bauwirtschaft nach dem strengen Winter und milliardenschwerer Abwrackprämie, Steuerschecks für Eltern und Rückzahlungen von Pendlerpauschalen.

Der vor knapp vier Monaten vereinzelt geäußerte Optimismus, all diese Maßnahmen könnten der Konjunktur im Frühjahr über die Nulllinie helfen, muss wohl revidiert werden. Zu tief sind die Nachwehen des beispiellosen Einbruchs: Innerhalb von vier Quartalen sank die Wirtschaftsleistung Deutschlands um sieben Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt ist heute etwa so groß wie gegen Ende der Gerhard-Schröder-Ära. Wir erinnern uns, da war die Stimmung im Lande alles andere als gut.

Dass das Konjunkturtal auch zur Mitte des zweiten Quartals noch nicht erreicht geschweige denn bereits durchschritten ist, zeigt die Lageeinschätzung der Wirtschaft: Mitte Mai schätzten die vom Ifo-Institut befragten Unternehmen ihre aktuelle Situation noch schlechter ein als einen Monat zuvor.

Und auch die bereits bekannten April-Auftragseingänge im Maschinenbau verheißen nichts Gutes für den Rest der Industrie: Deutschlands Vorzeigebranche verzeichnete 58 Prozent weniger Aufträge als im Jahr zuvor. Allenfalls der künstlich erzeugte Nachfrageboom nach Autos könnte die gesamten Industrieaufträge und -produktion in die Nähe der Nulllinie gedrückt haben. Ein V-förmiger Verlauf, der nach dem freien Fall einen rasanten Aufschwung widerspiegeln würde, ist nicht in Sicht.

Der Sommer wird wohl zum Quartal der Wahrheit: Erst dann wird sich zeigen, ob die Stimmungsindikatoren, die seit einigen Wochen nach oben zeigen, wirklich zu einer echten Belebung führen. Behalten die Indikatoren recht, scheint es immerhin möglich, dass sich die Industrien weltweit aus ihrer Schockstarre befreien können, nicht zuletzt dank staatlicher Konjunkturprogramme und massiver Zinssenkungen. Bleiben dann die noch im Frühjahrsgutachten von den Wirtschaftsforschungsinstituten vorhergesagten neuerlichen Rückschläge im nächsten Winterhalbjahr aus, könnte sich 2010 tatsächlich so etwas wie ein neuer Aufschwung entwickeln.

Doch selbst wenn die deutsche Wirtschaft dann wieder mit rund 1,5 Prozent pro Jahr wachsen sollte, dauert es etwa vier Jahre, um den Verlust von einem Jahr Mega-Rezession wieder aufzuholen. Damit ist klar, dass Opel und Arcandor nicht die letzten Opfer der Krise sein werden. Die Folgen des Firmensterbens für Arbeitsmarkt und Staatsfinanzen werden bitter; die nächste Bundesregierung bekommt einiges zu tun.

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